Aus dem Englischen übersetzt von Thatcher

Liberty Crying
Eine leicht veränderte Version des folgendes Essays, der im Original den Titel “Liberalismus, Transzendenz und Restauration” trägt, erschien in der Sommerausgabe 2000 von Modern Age. Er ist auch auf Dänisch und Tschechisch erhältlich.
Das Verschwinden der radikalen Linken ist ein Anzeichen dafür, daß sie im Grunde diejenigen ihrer Ziele, die erreichbar waren, erreicht hat. Was niemand zugibt, ist die Tatsache, daß das, was wir rund um uns sehen, der Sieg der Revolution ist.
Die heutige Politik ist radikal-säkularistisch und antipartikularistisch. Sie zielt auf die Auflösung dessen, was von der traditionellen Gesellschaft übrig ist, und auf die Errichtung einer universellen Form menschlichen Zusammenschlusses, der ein technisch-rationales System zum Zweck der gleichen Erfüllung von Wünschen begründet. Die Religion soll aus dem öffentlichen Leben verbannt, ethnische und (soziale; A.d.Ü.) Geschlechtsunterschiede sollen abgeschafft und eine weltweite Ordnung aufgebaut werden, die auf Weltmärkten und transnationalen Bürokratien basiert und sich im Namen der Menschenrechte, der internationalen wirtschaftlichen Entwicklung und der kollektiven Sicherheit über lokale Unterschiedlichkeiten hinwegsetzt.
Der zeitgenössische Liberalismus ist Ausdruck dieser neuen Ordnung und unterstützt sie. Nicht alle Mitglieder der herrschenden Eliten hängen dem Liberalismus an, und ebenso erhält er Unterstützung von Außenstehenden. Wie dem auch sei, unsere Eliten bestimmen seinen Inhalt und er befördert ihre Interessen. Er setzt die Begriffe in den Diskussionen, definiert, was als Fortschritt angesehen wird und bildet die Grundprinzipien der Zusammenarbeit heraus, auf den unsere Eliten ihren Herrschaftsanspruch gründen.
Die Unterstützer der neuen Ordnung sehen sie als historisch und moralisch notwendig und deshalb als obligatorisch an, ungeachtet bestehender Ansichten und Gewohnheiten. Weil moderne Regierungen behaupten, sie stützten sich auf Zustimmung, muss die Öffentlichkeit dazu gebracht werden, sie anzunehmen. Die öffentliche Meinung zu bilden und Sichtweisen, die der fundamentalen gesellschaftlichen Politik entgegenstehen, aus der Mainstream-Diskussion herauszuhalten, ist deshalb grundlegend für das Staatshandwerk geworden.
Wahre Opposition kommt nicht von der Linken, sondern von reaktionären und restaurativen Gruppen, die sich selbst von der ehrenwerten Politik ausschließen, indem sie den Liberalismus und die Linke zurückweisen. Die heutigen Dissidenten sind partikularistisch — traditionalistisch, fundamentalistisch, populistisch oder nationalistisch. Darüberhinaus sind sie antisäkularistisch und antihedonistisch. Sie weisen ein System von Politik zurück, das die gesellschaftliche Ordnung auf menschlichen Willen gründet, weil sie die dahinterliegende Ansicht ablehnen, die Menschen brächten Moral für ihre eigenen Zwecke hervor.
Heute werden alle Dinge aus dem Grund gerechtfertigt, daß sie den Menschen helfen, das zu bekommen, was sie wollen. Diejenigen, die eine Autorität oberhalb menschlicher Zwecke erkennen, werden als gefährliche Bigotte, die andere im Namen gewisser Sekten oder willkürlicher Prinzipien unterdrücken wollen. Als eine Konsequenz existiert so etwas wie eine politische Fundamentaldiskussion nicht mehr. Die heutige Politik ist gespalten zwischen einer Einstellung, die sich selbst als vernünftig und diesseitig präsentiert und die die öffentliche Diskussion absolut beherrscht, und einer Verschiedenheit abweichender Ansichten, die sich für höhere Güter als menschlichen Wunsch aussprechen, aber nicht in der Lage sind, ihren substantiellen, darunterliegenden Grund wirksam werden zu lassen. Niemals wird dieser Konflikt ernsthaft diskutiert, denn er wird als gelöst betrachtet; die herrschende liberale Sicht der Dinge ist akzeptiert und unbestreitbar, während Dissens als gesitig verwirrt oder Schlimmeres betrachtet wird.
Die beherrschende Sichtweise hält sich selbst für besonders tolerant und allumfassend. Sie ist es nicht. Der Fehler resultiert aus einer Fehleinschätzung von Politik und Moral, die für den Liberalismus essentiell ist. Der Liberalismus behauptet, daß er religiöse und moralische Themen, zumindest diejenigen, die er als persönlich identifiziert, dem Urteil des Einzelnen überlasse. Der theoretische Grund, warum er das tut, ist Neutralität gegenüber letzten Verpflichtungen. Wie es der Oberste Gerichtshof (der USA, A.d.Ü.) ausgedrückt hat: “Das Herzstück der Freiheit ist das Recht, sein eigenes Konzept des Daseins, des Sinnes, des Universums und des Mysteriums vom menschlichen Leben zu definieren.” [Sache: Planned Parenthood vs. Casey, 1992, 505 U.S. 833, 851.]
Liberale beteuern, daß die heute weitverbreitete religiöse und moralische Uneinigkeit solche Neutralität zum einzig möglichen Weg des öffentlichen Lebens macht. Während sie manchmal von gemeinsamen Werten sprechen, wenn unter Druck geratene Liberale zu der Notwendigkeit zurückkehren, die Leute für sich selbst entscheiden zu lassen. Alles, was nötig sei, sagen Liberale, seien ein paar formale Grundlagen, so wie Gleichheit und Eigenbesitz, die man für unterschiedliche Zwecke braucht, damit sie gleichermaßen bestehen können.
Der Liberalismus bezieht seine enorme Stärke aus seiner Fähigkeit, solche Behauptungen akzeptabel zu machen. Sie sind nichtsdestoweniger falsch. Wenige Gesellschaften sind bisher liberal gewesen, während moralische Uneinigkeit allen Gesellschaften jeglicher Größe und Komplexität gemeinsam ist. Mehr noch; der zeitgenössische Liberalismus akzeptiert Uneinigkeit nicht mehr, wie es andere Ansichten tun. Im Gegenteil, er basiert auf einem bestimmten Verständnis von Moralität mit weitreichenden Folgen für das Ganze des Lebens, die er gegen andere, vernünftigere Verständnisweisen durchsetzt.
Was die liberalen Behauptungen plausibel erscheinen läßt, ist weniger irgendein Unvermögen gängiger moralischer Ansichten, Dominanz zu erreichen, als vielmehr Veränderungen in der Weise, wie Dominanz hergestellt und aufrecht erhalten wird. Der Liberalismus ist in der heutigen Welt zuhause. Seine Stärke ist seine Fähigkeit, neue Methoden der Herrschaft zu verwenden, die weniger auf physischer Unterdrückung denn auf Homogenisierung und Zentralisierung sozialen Lebens, der Zerstörung unabhängiger Institutionen und moralischer Sitten und der Aufrechterhaltung der Illusion von offener Berichterstattung und Volksherrschaft gründen.
Die Wahrheit ist, daß die modernen Bedingungen eine Neutralität zwischen moralischen Ansichten weniger bedeutsam machen. Wann immer unsere Herrscher mit den religiösen und moralischen Gewohnheiten des Volkes im Kampf liegen, gewinnen unsere Herrscher. “Political Correctness” zeigt, daß es jetzt möglich ist, moralische Ansichten als maßgeblich hinzustellen, die deutlich im Widerspruch zu lange etablierten Verständnissen sind, solange diejenigen ihnen verpflichtet sind, die die öffentliche Diskussion beherrschen.
Die gegenwärtige Lage resultiert zum Teil aus der enormen Macht, die die Massenmedien in die Hände einer kleinen Elite geben, die die Welt mit den Meinungen ausgesuchter Experten überfluten und das kritische Denken in einem Sumpf aus Trivialitäten und Zitat-Häppchen versinken lassen können. Diese Macht integriert die Meinungsbildner — Medienleute, Entertainer, Experten, Pädagogen — in die Regierung; unsere Herrscher steuern die öffentliche Meinung, denn diejenigen, die die öffentliche Meinung steuern, sind unter ihnen.
Der Einfluß einer kleinen Klasse auf die öffentliche Meinung wird gestützt von einer zunehmenden Zentralisierung des intellektuellen Lebens. Der geistige Zustand der Republik ist weniger republikanisch geworden; die Gedanken und das, was als Wissen zählt, sind nicht länger dem Zufall oder der Initiative Einzelner überlassen. Das intellektuelle Leben wird heute getragen von einer zum großen Teil staatlich finanzierten Bürokratie, die aus Akademikern, Institutionen, Think-Tanks, offiziellen Künstlern usw.. Nachrichtenwesen und Analyse liegen in den Händen professioneller Leute, die von ganz wenigen großen Organisationen beschäftigt werden. Die junge Generation wird zum großen Teil von Massenmarkt-Unterhaltern und einem zunehmend vereinheitlichten staatlichen Erziehungssystem aufgezogen. Die Wirkung war, daß intellektuelle Unabhängigkeit beseitigt und abweichende Meinungen als provinziell, ignorant oder geisteskrank dargestellt wurden. Die wenigen Orte, an denen es freie Abweichung noch gibt, so wie Sprechfunk und das weltweite Netz, sind am gesellschaftlichen Rand, ermangeln der Disziplin und der Kohärenz und werden als Zentren von “Haß” angesehen, der alles Anständige bedrohe.
Über die Unterstützung hinaus, die er von denen erhält, die die Öffentlichkeit steuern, liegt die Stärke des Liberalismus im Zeitalter der Öffentlichkeit in seiner “unsichtbaren” Machart. Wozu die Neutralität des Liberalismus beiträgt, ist dessen Fähigkeit, die substantiellen moralischen Ansichten, die er durchsetzt, unsichtbar zu halten, und daher moralische Streitigkeiten aus der Politik zu entfernen und auf diese Weise zu verhindern, daß Herausforderungen seiner eigenen Positionen überhaupt erhoben werden. Diese Machart verschafft dem Liberalismus einen Vorteil in der öffentlichen Diskussion, der bisher unüberwindlich geblieben ist.
Moralische Entscheidungen sind in der Politik unvermeidbar, und eine Regierung, die behauptet, sie dem Einzelnen zu überlassen, betreibt Täuschung. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen, das Führung benötigt, weil freiwillige Zusammenarbeit für das Gemeinwohl nicht ausreicht. Die Ansichten gehen auseinander, welche Werte die Regierung unterstützen sollte; weil aber Unterschiede Konflikte bedeuten, muß das Gesetz unter ihnen entscheiden. Zwischen den Wahlmöglichkeiten, die uns Abtreibungsbefürworter geben, und dem menschlichen Leben, das Operation Rescue (eine Organisation von Lebensschützern; A.d.Ü.) verteidigt, ist aber keine Neutralität möglich.
Eine endgültige Sichtweise der Sache durchzusetzen, wie es die Regierung tun muß, wenn sie im ethischen Zusammenhang handeln soll, bedeutet, ein partikuläres Verständnis von Moralität durchzusetzen. Moralität durchzusetzen ist schwierig, und jede Regierung sucht nach Alternativen zur Gewalt im Umgang mit moralischer Uneinigkeit. Verschiedene Regierungen betonen unterschiedliche Mittel, wobei traditionalistische Staaten allgemeines Anhängen zu Langerprobtem, Theokratien und ideologische Regime die Überzeugung durch Autorität und Republiken wechselseitige Überredung unter den Bürgern hervorheben. Dies alles sind Weisen, die Zahl und die Intensität von Uneinigkeiten zu reduzieren, indem man sich um ihre Substanz kümmert; ein schwieriger, aber notwendiger Prozeß, wenn die Führung allgemein akzeptierte Werte befördern soll. Liberale Regierungen versichern, sie kämen ohne einen solchen Prozeß aus, da sie moralische Streitigkeiten aus der Politik heraushielten, indem sie ihre Substanz unberührt lassen. Sie fordern Loyalität ein, nicht weil sie gemeinsame Werte beförderten, sondern weil sie jedermann seinen Vorlieben ohne Störung nachgehen ließen.
Nach Wegen zu suchen, jedermann seinen eigenen Weg gehen zu lassen, sollte nur zur Erkenntnis der Schwierigkeit moralischer Übereinstimmung und der Wichtigkeit von Arrangements beitragen, die die Zusammenarbeit erleichtern, wenn die Übereinstimmung minimal ist. Wenn man es so versteht, sind liberale Ansichten ein Aspekt praktischer Weisheit, der mit fast jedem vernünftigen Verständnis von den Zielen der Politik vereinbar ist. Eine geheiligte Monarchie mit einer etablierten Kirche wäre aus dieser Sicht liberal, wenn sie, wann immer möglich, das Entgegenkommen der Gewalt vorzöge.
Der zeitgenössische Liberalismus ist keine so beschränkte Sichtweise. Er ist eine umfassende Regierungsphilosophie, die zur Gänze die öffentliche Moral bestimmt. Obgleich er permissiv klingt, sind umfassende Lösungen üblicherweise intolerant, und der Liberalismus bildet keine Ausnahme. Der zeitgenössische Liberalismus treibt kategorische Forderungen voran, die er “Rechte” nennt, und lehnt ausgleichende Prinzipien, wie Respekt vor natürlichen Neigungen und überkommenem Verständnis, ab. Ohne ausgleichende Prinzipien weiten sich abstrakte Forderungen schrankenlos aus. Als Ergebnis haben die liberalen Standards alles bis zur Tyrannei umschlossen. Liberale Neutralität, die als ein Flickwerk von Beschränkungen der Macht der Regierung begann, wurde allgemein auf gesellschaftliche Praktiken anwendbar und nebenbei repressiv. Wenn Liberalsein bedeutet, anderen Ansichten entgegenkommen zu wollen, dann ist der zeitgenössische Liberalismus nicht mehr liberal.
Anderen Ansichten entgegenzukommen schließt ein, sie mit größeren, zusammen geteilten Wahrheiten in Bezug zu setzen. Das kann der Liberalismus nicht tun, weil er ein geschlossenes moralisches System aufrichtet. Der Gesellschaftsvertrag, mit dem das liberale Denken beginnt, macht aus der Moral ein abgeschlossenes System, das von der Logik und vom menschlichen Willen definiert wird. Der Mensch ist der Herr, Werte sind das, wofür sich Menschen entscheiden, und soziale Einrichtungen sind für menschliche Zwecke ausgerichtet. Es gibt keine größere Wahrheit, an der alle teilhaben, lediglich ein ergebnisoffener und nie endender Prozeß sozialer Transformation im Namen wechselnder Wünsche.
Dieser Prozeß setzt sich über alle anderen Dinge hinweg und macht den Liberalismus ebenso unüberwindbar und unbestreitbar wie die Wünsche selbst. Heute denunziert der Liberalismus Abweichungen von seinen Prinzipien als unterdrückerisch, ganz egal wie lang sie bestehen und wie weithin akzeptiert sie sind, und besteht auf ihrer Ausmerzung. Das Ergebnis ist eine enorme Ausweitung der Regierung, Schwächung von Grundlagen wie örtlichen Gemeinden, die es braucht, damit die Regierung angehalten wird, verantwortlich zu handeln, und eine riesige Zerstörung durch das Entwurzeln fundamentaler gesellschaftlicher Praktiken, zum Beispiel diejenigen, die das Verhältnis der (natürlichen; A.d.Ü.) Geschlechter zueinander betreffen.
Den Beteuerungen seiner Neutralität zum Trotz errichtet der Liberalismus eine durchsetzbare offizielle Moral, die eine abgegrenzte Art zu leben unterstützt. Er erhebt Forderungen nach moralischer Rekonstruktion, die notwendigerweise intolerant sind. Das Bürgerrechtsgesetz mit seiner Bestimmung, “Stereotype” — gewohnheitsmäßige Arten zu denken — auszurotten, ist auf aufdringliche Weise moralistisch und endet in unablässigen Umerziehungskampagnen. Antidiskriminierungsregeln zielen darauf, die Gedanken zu steuern, die an jedem öffentlichen Ort ausgedrückt werden. Öffentliche Erziehung ist moralische Endlos-Propaganda. Sogar Gesundheit und Sicherheit sind zu Kreuzzügen geworden, die beträchtliche Regulierungen des täglichen Lebens einschließen. Wo es einst religiöse Prüfungen, sonntägliche Ladenschlußgesetze und Gesetze gegen Blasphemie gab, da gibt es heite Vielfältigkeitsprogramme, den Martin-Luther-King-Feiertag und Sprachkodizes. Der Fortschritt in der Toleranz ist schwer auszumachen.
Die Entwicklung des Liberalismus hat ihre ursprünglichen Prinzipien ins Gegenteil verkehrt. Weniger als die Gesellschaft den Staat kontrollieren zu lassen, läßt ein ehrgeizigerer Liberalismus jetzt vielmehr den Staat die Gesellschaft kontrollieren. Freiheit der Rede und der Meinung sind aus diesem Grunde verdächtig geworden. Religiöse Menschen werden als eine Bedrohung empfunden, weil Lebensweisen öffentliche Folgen haben und öffentliches Handeln, das auf nichtliberalen Moralvorstellungen gründet, die Neutralität verletzt. Einfaches Geltendmachen traditioneller Sexualmoral wird als repressiv behandelt, da es, wenn auch nur durch die Kraft dieser Meinung selbst, der Befriedigung des persönlichen Geschmacks informelle Hindernisse setzt. Sich zu weigern, einem unverheirateten Paar ein Appartement zu vermieten, ist ungesetzlich, obwohl es nur eine Weigerung ist, eine Verhaltensweise zu begünstigen, die man für falsch hält. Sogar Weihnachtsgrüße sind ein Affront.
Die tatsächliche Funktion des liberalen Bestehens auf Neutralität ist, Debatten zu ersticken. Bis zu dem Maß, daß sie harte Konsequenzen haben, werden moralische Einwände gegen den Liberalismus als intolerant und spalterisch von der Hand gewiesen, so daß Widerstand unmöglich wird. Sprachverdrehung geht Hand in Hand mit der Unterdrückung der freien Rede. “Haß” und “Intoleranz” schließen inzwischen jede ernsthafte Opposition zum Liberalismus ein. “Einschließlichkeit” besteht darauf, daß andere tolerant sein sollen bis dahin, ihre Grundsätze und sogar ihre Identität aufzugeben, während sie jedes Entgegenkommen in eigener Sache zurückweist. “Verschiedenheit und Toleranz” bedeuten Gedankenkontrolle; “Menschenrechte” bedeuten einen Angriffskrieg; “Offenheit” bedeutet das Zuschlagen der Tür vor der Anerkenntnis von Unterschieden; “die Regierung aus dem Schlafzimmer heraushalten” bedeutet, den Kindern beizubringen, Kondome zu benutzen.
Debatten zu ersticken, erstickt auch die Vermittlung zwischen Grundsätzen. Die letzten Konsequenzen werden wahrscheinlich Übertreibungen und der Zusammenbruch des Liberalismus sein, doch inzwischen ist sein Triumph uneingeschränkt. Bloßer Konservatismus — Vorsicht und ein empfindlicher Sinn für Veränderungen — bieten kein Rückzugsgebiet mehr.
Einfacher Mainstream-Konservatismus ist die Sichtweise vernünftiger Menschen, die dem Etablierten anhängen, aber willens sind, neuen Entwicklungen entgegenzukommen. Er hat viel gemeinsam mit Liberalismus und wäre gut geeignet, diesen zu mäßigen, wenn irgendetwas dazu in der Lage ist. Beide sind diesseitige Ansichten, die Absolutem mißtrauen und Vernunft und Erfahrung wertschätzen. Der grundlegende Unterschied ist, daß der einfache Konservatismus überkommene Gewohnheiten und Erwartungen als Anleitung hinnimmt, was vernünftig ist, während der Liberalismus zu etwas Abstrakterem neigt. Aus diesem Unterschied ergeben sich weitere. Der Konservatismus nimmt gesellschaftliche Gewohnheiten hin, die nichtliberale Auffassungen weitertragen; wenn dogmatische Religion und autoritäre Elemente familiären Lebens gesellschaftlich akzeptiert werden, neigt er dazu, sie zu unterstützen. Wie dem auch sei, als bloßer Konservatismus ist ihm die Wahrheit gleichgültig, und er behandelt die Religion und die moralische Tradition als verhandelbare Interessen.
Diejenigen, die von dem Hedonismus abgestoßen sind, der implizit in der liberalen Neutralität enthalten ist, aber nicht in der Lage sind, endgültig mit ihm zu brechen, werden konservativ, weil der Konservatismus Platz für transzendente Anhängsel zu lassen scheint. Dieses Rückzugsgebiet hat sich als zeitlich begrenzt erwiesen. Einfacher Mainstream-Konservatismus behandelt gesellschaftliche Praktiken und Auffassungen als letzte Autorität und kann transzendente Behauptungen nicht ernst nehmen. Aus diesem Grund reduziert er die Religion auf eine Verbindung aus traditionellen Ritualen und wahlweise privater Gläubigkeit. Am Ende verflüchtigt sich ein religiöser Glaube, der privat bleiben muß, denn er läßt sich auf nichts anwenden, und traditionelle Rituale werden gesellschaftlich inakzeptabel, weil sie ein öffentliches Element haben, das in den Ruch gerät, eine Verletzung der Gleichstellung gegenüber den Irreligiösen zu sein. Was übrig bleibt, ist eine auf aggressive Art säkulare öffentliche Ordnung, bei dessen Konstruktion der Konservatismus mitgewirkt hat.
Im Laufe der Zeit erschafft der Liberalismus den Konservatismus nach seinem Bilde neu, indem er ihn alles Unverwechselbare um des Konsenses willen aufzugeben zwingt. Einfacher Konservatismus muss sich auf Dinge verlassen, die nicht ernsthaft bestritten werden, und er kann diese Dinge nicht gegen Angriffe verteidigen, weil die Tatsache, dass sie angegriffen werden, sie für ihn nutzlos werden lassen. Liberale werden nicht aufhören, alles Nichtliberale anzugreifen. Det Triumph immer radikalerer Formen des Liberalismus war deshalb unausweichlich, ein Triumph, der seinen Höhepunkt in den ‘60er Jahren erreichte.
Der Triumph wurde nicht gegen die konservative Doktrin errungen, die immer schwach im öffentlichen Leben gewesen war, sondern gegen konservative Gewohnheiten, die den Liberalismus davon abgehalten haben, seine innere Logik zu realisieren. Schlüsselereignisse bildeten die Entscheidungen über Schulgebete, die Bürgerrechtsgesetze und die sexuelle Revolution. Das erste ließ die gesellschaftliche Ordnung außerordentlich diesseitig werden, das zweite schaffte die historische zugunsten der konstruierten Gemeinschaft ab, und das dritte ließ aus dem familiären Leben eine rein freiwillige und private Angelegenheit werden. John Rawls’ “Eine Theorie der Gerechtigkeit” (1971) kennzeichnete den neuen Stand des Liberalismus als ein umfassendes rationales System und das Ende jeder Notwendigkeit, nichtliberale Verhaltensweisen und Praktiken ernstzunehmen, mit der Ausnahme, dass Ungerechtigkeiten auszurotten seien. Seitdem war der Ausspruch, irgendetwas sei ein “tiefverwurzeltes gesellschaftliches Stereotyp”, eine Diskreditierung desselben. So entscheidend ist der Triumph des Liberalismus gewesen, daß kein Versuch, die Entscheidungen zu den Schulgebeten, die Bürgerrechtsgesetze oder die sexuelle Revolution einer Revision zu unterziehen, auch nur die leiseste Chance auf Erfolg hatte. Solche Versuche zu unternehmen bedeutete seitdem, sich selbst außerhalb des seriösen öffentlichen Diskurses zu stellen.
Der Triumph des radikalen Liberalismus hat aus dem gemäßigten Konservatismus, der eine gesellschaftliche Ordnung aufgreift, die auf fundamentalen Wegen von nichtliberalen Verhaltensweisen und Praktiken definiert wurde, eine ausgehöhlte Position gemacht. Ein Verlangen, geistreich zu erscheinen, und das Streben nach etwas weniger Dünnem als liberaler Ideologie kann öffentliche Menschen dazu bewegen, die Sprache des Konservatismus zu sprechen, doch die Substanz ist verschwunden. Der Mainstream-Konservatismus murrt, trödelt etwas hinterher und versucht die Zerreißung abzumildern, die durch die Umsetzung liberaler Forderungen verursacht wurde, aber er kann nicht die Folgerichtigkeit dieser Forderungen bestreiten oder ihnen den endgültigen Sieg nehmen. Er kann nicht einmal in einer Sprache über sie sprechen, die sich von der des triumphalen Liberalismus sehr unterscheidet.
Nicht nur der gemäßigte Konservatismus, sondern jede ernsthafte öffentliche Opposition zum Liberalismus ist unsichtbar geworden. Was an Opposition zum Liberalismus übrig bleibt, neigt zum Irrationalismus. Kommunitarismus schlägt einen zentral geleiteten, nichtdiskriminierenden Partikularismus vor, den man sich kaum überhaupt vorstellen kann. Der populäre Konservatismus und die religiöse Rechte können nicht übereinstimmend denken oder handeln, teils weil sie einen Stil der Auseinandersetzung, der sich von dem ihrer Gegner unterscheidet, nicht aufrecht erhalten können. Neokonservative bemerken, daß der Liberalismus die Verpflichtungen gegenüber Gott, Vaterland und Familie zurückweist, die zur Aufrechterhaltung einer freien Gesellschaft vonnöten sind, neigen aber dazu, solche Dinge als eine Art nobler Lüge zu betrachten, die man der liberalen Ordnung strikt unterordnet; die Wirkung ihrer Tätigkeit ist, Dissidenten in diese Ordnung zu integrieren und auf diese Weise antiliberale Impulse zu zähmen.
Genausowenig können Libertäre dem Liberalismus wirksam Widerstand entgegensetzen. Libertarianismus ist zwar weniger aufdringlich als der regulatorische Liberalismus, kann aber keine echte Alternative anbieten. Wie Liberale bestreiten Libertäre transzendente Autorität und fordern einen gesellschaftlichen Neuaufbau entlang hedonistischer Grundlinien. Der moralische Subjektivismus ihrer Bewegung macht aus ihrer Opposition gegen Eingriffe der Regierung eher zu einer Geschmacks- als zu einer Prinzipienfrage. Seine Behandlung des Eigentums als des moralisch Grundlegenden ist unvereinbar mit der subjektivistischen Behandlung sozialer Einrichtungen als Konstrukte für menschliche Zwecke, und wenn man es als Ziel vorantreibt, erscheinen moralische Prinzipien willkürlich. Libertarianismus wird deshalb wahrscheinlich das Sonderinteresse einer kleinen, aber lautstarken Minderheit bleiben, obgleich er seinen Einfluss als Teil der wechselnden und prinzipienlosen Kompromisse zurückhält, die den zeitgenössischen Liberalismus ausmachen.
Die Dominanz des Liberalismus, die auffällige Unfähigkeit ihn zu reformieren, und das Fehlen glaubwürdiger Opposition hat manche dazu gebracht, offen auszusprechen — und viele dazu, es implizit anzunehmen –, daß wir das Ende der Geschichte erreicht hätten, denn weil der Liberalismus zum Äußersten beherrschend sei und sie nicht wesentlich verändern könne, habe er für immer gewonnen. Dieser Schluß nimmt die Grenzen der Vorstellungskraft von Liberalen irrtümlicherweise als die Grenzen der Realität. Bis vor kurzem schien der Fortschritt des Liberalismus in der Tat unausweichlich. Allein er schien fähig, die freiwillige Zusammenarbeit aufrechtzuerhalten, die es für gesellschaftlichen Frieden und Effizienz brauchte. War eine Frage erst einmal ausgesprochen, erschien jede nichtliberale Lösung irrational. Alles, was Liberale zu tun hatten, war, das, was sie für Repression hielten, zu dramatisieren, und der Sieg war ihnen sicher. Angesichts des Fehlens öffentlicher transzendentaler Prinzipien erschien “laßt sie machen, was sie wollen” — das grundlegende liberale Prinzip — als der einzige Weg, unterschwelligen oder offenen Bürgerkrieg zu verhindern.
Das hat sich mit dem Triumph des Liberalismus als einer Herrschaftsform statt als kritischer Philosophie geändert. Sein Sieg ist zugleich sein Zusammenbruch, denn jetzt muß er Antworten geben, statt die Antworten zu kritisieren, die andere geben, und das kann er nicht. “Laßt sie machen, was sie wollen” kann nicht eine Regierungsphilosophie sein, folglich ist der Liberalismus, damit er regieren kann, gezwungen zu tyrannisieren und zu lügen. Der Mangel an mäßigenden Prinzipien bedeutet, daß er es nicht verhindern kann zu übertreiben, möglicherweise sogar in katastrophischer Weise.
Die Analyse legt nahe, daß die Laster des Liberalismus diesem inhärent und unheilbar sind. Begriffliche Streitigkeiten werden in der Politik oft achselzuckend abgetan aus dem Grund, daß das Leben kompliziert sei und daß in der Praxis bestimmte Umstände wichtiger seien als abstrakte Implikationen. Der Einwand ist schwach im Falle des zeitgenössischen Liberalismus. Moderne Umstände neigen dazu, die menschliche Gesellschaft zu vereinfachen und sie immer mehr in eine formlose Masse zu verwandeln, ohne Rasse, Geschlecht, Klasse oder Nation. Der Liberalismus stiftet zu diesem Prozeß an und sagt den Bürokraten und Richtern, sie sollen das resultierende feinkörnige Chaos mittels universeller Prinzipien beherrschen. Formale Regeln und Institutionen werden daher die leitenden Ordnungsprinzipien in einer ansonsten zusammenhaltlosen Lage; in einer solchen Umgebung werden begriffliche Schwierigkeiten ziemlich schnell zu praktischen.
So war es der Fall beim Liberalismus. Ein prinzipieller Fehler, der weitreichende praktische Schwierigkeiten verursacht hat, ist die Unfähigkeit des Liberalismus, mit Konflikten prinzipiengeleitet umzugehen. Politik kann nicht einfach auf menschlichen Zielen aufbauen, denn manschliche Ziele sagen uns nicht, was wir im Fall ihres Zusammenprallens tun sollen. Eine Konfliktlösung, die darauf basiert, was bestimmte Leute wollen, ist einfach nur der Triumph des einen Willens über den anderen. Sogar eine Lösung, die auf dem Ausgleichen von Wünschen basiert oder den stärksten von ihnen folgt, ordnet einfach nur manche Wünsche anderen unter; so lange, bis die Lösungsmethode Ausdruck einer moralischen Wahrheit ist, die den Wunsch selbst übersteigt.
Der Liberalismus schlägt formale Grundsätze vor wie “jedem Seines” oder die Gesamt-Zufriedenheit zu maximieren. Es ist schwer zu erkennen, wie solche Prinzipien, selbst wenn sie universell annehmbar wären, Antworten geben könnten, die bestimmt genug wären, um nach ihnen zu leben. Wie können zum Beispiel alle möglichen Befriedigungen — Plato, das Halmaspiel, Pornographie — addiert und verglichen werden, wo sie sich so enorm unterscheiden? Und wie kann entschieden werden, was “jemandes Seines” ist? Ob es ein imperialer Thron oder Eigentum an jemandes anderen Leib sei; eine Sache ist jemandes Seines nur dann, wenn andere es als solches anerkennen; eine Notwendigkeit, die zeigt, daß Eigentum nicht ein einfaches vorgesellschaftliches Konzept ist.
Willkür bei der Lösung von Konflikten ist deshalb dem Liberalismus inhärent. Genausowenig ist Willkür das einzige Problem. Der Wert ist die substantielle Grundlage der Moralität, und eine tödliche Schwäche des Liberalismus ist seine fehlerhafte Theorie der Werte. Der Notwendigkeit einer bestimmten Definition, was ein Wert ist, kann man nicht dadurch entkommen, daß man Werte zugunsten von Wünschen ignoriert. “Werte” sind nichts anderes als mögliche Objekte rationalen Handelns, und “der Wert” ist die allgemeine Eigenschaft, die eine Sache erstrebenswert macht. Das Wünschen als die Sache zu behandeln, die für vernünftiges Handeln entscheidend sei, bedeutet, den Wert mit dem zu identifizieren, was gewünscht ist. Folglich ist die liberale Theorie der Werte Hedonismus.
Hedonismus ist eine schlechte Theorie, auch wenn man ihn dazu befähigen kann, bestimmte Ergebnisse zu erzielen, weil wir im Grunde nicht Hedonisten sind. Indem er uns gibt, “was auch immer wir wollen”, versagt der Liberalismus gerade dabei, uns das zu geben, was wir wollen. Unser Wert, und aus diesem Grund die Dinge, die wir uns am innigsten wünschen, hängt davon ab, was wir sind, und wir sind vernünftig und sozial. Der Mensch wünscht sich nicht, das, was er will, als solches zu bekommen; er will das, was er will, aber er will dies auch als einen Wert erkennen, als erstrebenswert, weil es zu einem Lebensentwurf beiträgt, dessen Richtigkeit nicht von seinen Wünschen allein abhängt.
Als vernünftige Lebewesen sind wir nicht zufrieden, solange nicht unser Leben auf einem Verständnis davon gründet, welche Ziele die richtigen sind, das auf etwas beruht, das ihm dauerhafte Gültigkeit verleiht. Genausowenig können wir, als soziale Lebewesen, zufrieden sein, solange dieses Verständnis nicht geteilt wird. Diese Schwierigkeit ist nicht bloß theoretisch. Wenn andere Werte als das Streben nach individuellem Vergnügen als rein individuelle Ziele verstanden werden, ohne Anrecht auf gemeinschaftliche Unterstützung, dann verkümmern sie. Eine Heirat ist nicht einfach etwas, was zwei Leute sich entscheiden, im Privaten zu tun. Sie bezieht objektive Pflichten mit ein und damit auch gesellschaftliche Definitionen; sie zu definieren als eine zufällige Parallelität zweier Willen, jeder mit seinen eigenen Zwecken, bedeutet, sie zu zerstören. Sogar desinteressierte Liebe zu Wahrheit und Schönheit benötigt allgemeine Unterstützung, um mehr zu werden als bruchstückhafter Besitz isolierter Visionäre. Der Liberalismus zerreißt diese Unterstützung, indem er jedem Wert außer der Erfüllung von Wünschen die öffentliche Unterstützung versagt. Ein begriffliches Problem im Liberalismus, seine Unfähigkeit, ein Ziel einem anderen vorzuziehen, führt daher auf natürliche Weise zum Zusammenbruch der Familie und zum Niedergang des öffentlichen Lebens.
Die Probleme gehen noch weiter. Der Mensch ist sozial, und eine Gemeinschaft erfordert gemeinsame Werte, die der Liberalismus bestreitet. Wenn ich sage, daß ich Amerikaner bin, dann ist diese Behauptung bedeutungslos, solange Amerikaner nicht vereinigt sind durch etwas, das sie kollektiv als einen Wert anerkennen. In der liberalen Gesellschaft jedenfalls ist die einzige Sache, die gemeinsam als substantieller Wert anerkannt werden kann, das implizit in allem individuellen Wünschen liegende Ziel, nämlich die Fähigkeit, das zu bekommen, was man sich wünscht. Diese Fähigkeit ist am bereitwilligsten in der Form von Geld, Macht und Erfolg zu erkennen, und deshalb verwandelt der Liberalismus die Gesellschaft in eine Ansammlung von Einzelnen, die durch solche Dinge in Beziehung stehen. Unter solchen Bedingungen verlieren Menschen die substantielle Verbindung zu anderen Menschen und damit ihren Sinn dafür, wer sie sind; persönliche Identität wird eine Sache von Bankbilanzen und wechselnden privaten Phantasien, und das Individuum, in dessen Namen der Liberalismus erfunden wurde, verflüchtigt sich.
Den Wert mit dem Wunsch zu identifizieren zerstört die Dinge, die die Freiheit erhaltenswert machen. Der Liberalismus befreit Kinder von ihren Eltern, Frauen von Männern, die Armen von der Sorge, Schwächere von Stärkeren, so daß jeder machen kann, was er will. Dadurch, daß er unsere Verbindungen zu anderen bedeutungslos macht, beraubt er jedenfalls die Taten ihrer Wirkungen, und wir enden mit trivialer Freiheit in Unverantwortlichkeit und Ohnmacht. Freiheit wird ununterscheidbar von Starrsinnigkeit. Wir wertschätzen die Freiheit, weil sie uns befähigt, Werte als solche zu erkennen und uns für sie zu entscheiden, aber wenn keine Werte verbindlich sind, verliert sie ihren objektiven Wert und wird zu einem persönlichen Geschmack unter vielen. Wie könnte es so wichtig sein, auszuwählen, wenn das, was gewählt wird, überhaupt keine Bedeutung hat? Oder wenn es die Wahlmöglichkeit selbst ist, die etwas bedeutet, warum ist dann nicht Starrsinnigkeit die größte Tugend? Wie jeder zugeben wird, der mit ziellosen Teenagern umzugehen hat, haben solche Fragen praktische Konsequenzen.
Ein weiterer Kardinalfehler des Liberalismus ist es, daß er, während er Rationalität beansprucht, Rationalität unmöglich macht. Rationalität hat Standards zur Voraussetzung, die momentane Wünsche übersteigen. Wenn der Mensch keinen höheren Standard als sich selbst hat, dann hat er nichts, anhand dessen er sein eigenes Verhalten beurteilen könnte, und das ethische Denken verschwindet. Der Liberalismus behauptet, er lasse uns unsere eigenen Standards schaffen, doch könnte er genausogut behaupten, er ließe uns mit den Armen schlagen und fliegen. Unser Wert ist nicht etwas, was wir selbst machen. Wir können uns über unseren Wert klar werden, aber ihn uns nicht aussuchen; wir können in einer moralischen Welt bedeutungsvoll handeln, aber sie nicht ins Dasein rufen. Wenn uns der Liberalismus sagt, daß wir uns unsere eigene moralische Welt schaffen sollen, wendet er sich von der öffentlichen Moral in der Welt ab, die eine Wahlmöglichkeit nötig hat, um etwas zu bedeuten.
Der Kult um die Kreativität, im moralischen Leben wie auch anderswo, kommt aus einem Bewußtsein um eine Leere, die irgendwie gefüllt werden muß, wenn nötig auch betrügerisch. Das ist die Leere, die in der Mitte des Liberalismus liegt. Einen parallelen Fall liefert uns die Kunst, in der ein Kult um die Kreativität, der aus dem Verlust des Bewußtseins um Werte entstand, wie Schönheit, die den Künstler übersteigt, als inhaltsleere Kunst endete, von Technik besessen und beherrscht von denselben, ihr fremden Kräften, die die liberale Gesellschaft beherrschen — Geld, Erfolg und die Politik der geistlosen Angriffslust und des Aufstandes.
Die Irrationalität, die dem Liberalismus inhärent ist, führt beständig zu Fragen, die er nicht beantworten kann und deshalb unterdrücken muß. Beispiele findet man überall: Wenn jede Gesellschaft intolerant dabei sein muß, ihre führenden Prinzipien zu verteidigen, wie vernünftig kann es dann sein, Intoleranz zum einzigen Objekt der Schmähung zu machen? Wenn die Regierung uns geben muß, was wir wollen, wollen wir dann wirklich Hedonismus? Wenn ich ein Recht habe, meine Wünsche zu verfolgen, und es mein Wunsch ist, in einer von traditionellen Auffassungen geleiteten Gesellschaft zu leben, darf ich dieses Ziel dann politisch verfolgen? Wenn nicht, warum ist dann eine von Rassismus und Sexismus freie Umwelt ein würdigeres Ziel als eine von Atheismus und traditionell verstandener Immoralität freie? Solche Fragen können als praktische Probleme nicht vermieden werden, und der Liberalismus erwartet, daß sie gelöst werden durch neutrale Prinzipien, die keine Position bezüglich des Inhalts des guten Lebens einnehmen.
Dieses Erfordernis kann nicht erfüllt werden, obwohl es eine Auswahl von Vorschlägen gegeben hat, sie zu erfüllen. Manche haben behauptet, der Liberalismus garantiere die Freiheit, solange die Handlung nicht andere in einer bestimmten und genau bestimmbaren Weise beeinträchtigt. Demzufolge würde sich zum Beispiel das Recht auf Ausdruck der Sexualität über das Recht auf eine Umwelt hinwegsetzen, in der traditionelle Standards maßgeblich bleiben.
Diese Reaktion ist unangemessen, schon allein deshalb, weil der Liberalismus sie im Falle seiner selbst nicht akzeptiert. Zum Beispiel akzeptiert der Liberalismus Kontrollen der Landnutzung und Gesetze gegen das Wegwerfen von Müll in der Landschaft, die ausschließlich ästhetische Interessen schützen. Verbote gegen Autobahn-Werbetafeln gehen sogar soweit, die Rede zu verbieten, nur weil sie beleidigt. Der Schmuggel eines Einzelnen, seine Steuerhinterziehung oder sein Verbrauch bleihaltigen Benzins begünstigen ihn in hohem Maße, ohne dass sie eine aufzeigbare Wirkung auf andere hätten. Und jemand, der nicht mit Schwarzen zusammen arbeiten will, wird wahrscheinlich tiefgreifender von einer Antidiskriminierungsforderung betroffen sein als ein Schwarzer, der ansonsten woanders eine Arbeit finden müßte. So wie andere Menschen erkennen Liberale, daß das Gesetz immaterielle Verletzungen verbieten darf, und daß es gerechterweise ein vorteilhaftes System von Handlungsweisen verteidigen oder ein schädliches unterdrücken darf, sogar wenn individuelle Verstöße dagegen keinen konkreten, feststellbaren Schaden anrichten. Diese Prinzipien erlauben vernünftigerweise eine gesetzliche Unterstützung traditioneller Moralität. Beleidigung moralischer Empfindlichkeiten ist ein Verstoß, der dazu neigt, Menschen moralisch abstumpfen zu lassen, und der auf diese Weise eine gesellschaftliche Ordnung schwächt, die auf Selbstregierung aufbaut. Warum ist sie es wert, stärker geschützt zu werden als andere Taten, die sowohl Einzelnen als auch der Gesellschaft Schaden zufügen?
Eine andere Reaktion besteht darin, daß die Einmischung in eine Lebensweise besonders dann anstößig ist, wenn diese Lebensweise das Herz dessen betrifft, was unsere Identität ausmacht. Um so reagieren zu können, müssen Liberale eine Theorie vom Wesen der menschlichen Natur voraussetzen. Solche Theorien aber sind nicht weniger inhaltsvoll als die Theorien von Werten. Macht uns das Folgen unserer sexuellen Impulse zu dem, was wir sind, oder das Leben in Übereinstimmung mit verbreiteten moralischen Vorstellungen, die stabile Beziehungen zwischen Personen erleichtern? Die eine Antwort würde Beschränkungen des sexuellen Verhaltens, die andere einen Mangel an sexueller Einschränkung anstößig machen, und einen neutralen Weg, zwischen beiden zu wählen, gibt es anscheinend nicht.
Solche Fragen zielen auf den Kern der liberalen öffentlichen Moral. Der Liberalismus behandelt sie, indem er es verbietet, über sie zu diskutieren, und seine eigenen Antworten als Standard setzt. Das praktische Ergebnis ist genauso, als würde man irgendein dogmatisches Prinzip absolut setzen: Liberale reden lieber von Umstrittenheit und Extremismus als von Spaltung und Häresie, und sie verbieten lieber die Infragestellung des Wesens, der Kennzeichen und der Bedeutung von Sexismus oder des Holocausts als derjenigen Gottes, doch sind dies spezifische Unterschiede, die an der systematischen Ähnlichkeit nichts ändern.
Liberalismus — ein Versuch, ein gänzlich diesseitiges System zu erschaffen, das ausschließlich auf Logik und menschlichem Willen gründet — endet folglich in einer obskurantistischen Tyrannei und widerlegt sich also selbst. Dieser Ausgang ist notwendig, weil Logik und menschlicher Wille sich nicht zur Hervorbringung von Autorität verbinden lassen und der Liberalismus, um zu herrschen, die Autorität von irgendwoher stehlen muß. Daher fordert er Unterwerfung unter willkürliche Grundsätze und Schlußfolgerungen. Er besteht darauf, alles zu kontrollieren, was das öffentliche Leben betrifft, einschließlich der menschlichen Seele. Auf Kritik reagiert er, indem er die Kritiker mundtot macht. Tatsächliche Freiheit zerstört er duch Zentralisation von Macht, durch Aushöhlung von Standards, die ein freies gesellschaftliches Leben ermöglichen, und durch Zerstörung unserer Verbindungen zu anderen, was uns von universellen Systemen abhängig macht, die völlig außerhalb unserer Kontrolle liegen. Und mit der Rechtfertigung, er gebe uns, was wir wollen, versagt er uns all das, was zu besitzen wert wäre.
Wenn man nach der alltäglichen Erfahrung urteilt, dann gehen derartige Schlüsse allem Anschein nach viel zu weit. “Tyrannei” klingt übertrieben, andere Formulierungen wie “sanfter Totalitarismus” sogar noch stärker. In Amerika gebe es schließlich keine Geheimpolizei und nur wenige Regierungsspitzel. Die Rechtsprechung sei unabhängig und der Privatbesitz sicher. Prozesse seien öffentlich und Sicherheitsmaßnahmen im Verfahren würden befolgt. Jedermann könne sich auf jeder Ebene um öffentliche Ämter bewerben und schreiben und sagen, was er wolle, ohne daß er Gefängnis oder Beschlagnahme fürchten müsse. Die Festanstellung beschütze Dozenten mit unpopulären — sogar konservativen — Ansichten. Ungezwungene Einschränkungen der Gedanken-, der Meinungs- und der Handlungsfreiheit scheinen zu ähnlichen Einschränkungen in anderen Gesellschaften zu passen. Und, vor allem, sei das Leben angenehm. Die Unterschiede zwischen dem heutigen amerikanischen Regime und den Regimes, die man üblicherweise tyrannisch oder totalitär nennt, seien daher grundsätzlich.
Nichtsdestoweniger sollten die Unterschiede nicht die Ähnlichkeiten verschleiern, die ebenso grundsätzlich sind und manche Ähnlichkeit in der beschreibenden Sprache rechtfertigen. Tyrannei bedeutet unverantwortliche Regierung, die nicht durch Gesetz oder verbindlichen Brauch begrenzt ist; Totalitarismus ist eine Tyrannei, die auf einer alles einschließenden Theorie basiert, die sich im Privatbesitz einer herrschenden Elite befindet. Mit diesen Definitionen waren zum Beispiel mittelalterliche Regierungen weder tyrannisch noch totalitär; sie waren durch Gesetze und Bräuche begrenzt, und die christliche Perspektive, die sie rechtfertigte, unterlag nicht dem König, sondern der Kirche — einer Körperschaft, die sich in fundamentaler Weise von weltlichen Herrschern unterschied, mit ihnen oft im Streit lag und durch autoritative Texte, Traditionen sowie letztlich den Willen Gottes gebunden war.
Im Gegensatz dazu neigt das moderne Amerika zu einer totalitären Tyrannei, zumindest wenn man die Natur des Liberalismus als eines in sich geschlossenen und allumfassenden Schemas für das gesellschaftliche Leben, das alleinige Recht der herrschenden Elite, es zu interpretieren und die Beschränkungen politischer Tätigkeit erkennt, denen seine Gegner unterliegen. In grundlegenden Fragen wird Amerika von einer liberalen Elite regiert, deren Macht nicht durch Gesetze beschränkt ist, denn die Gerichte sind Teil der Elite und Gesetz ist, was die Gerichte sagen. Affirmative Action (Fördermaßnahmen zugunsten bestimmter Minderheiten; A.d.Ü.), Masseneinwanderung und der Ausschluß der Religion vom gesellschaftlichen Leben bezeichnen die Macht dieser Elite, entgegen der starken und tiefverwurzelten Gegnerschaft praktisch des gesamten Volkes diesem grundlegende Veränderungen aufzuzwingen.
Eine solche Macht ist tyrannisch. Weil der Mensch ein soziales Wesen ist, kann die Tyrannei genauso der Beziehung zwischen einer verantwortungslosen politischen Klasse und gesellschaftlichen Einrichtungen wie auch derjenigen zwischen einer Regierung und einem Einzelnen innewohnen. Jemand, der mich willkürlich einsperrt oder meinen Besitz konfisziert, ist ein Tyrann. Herrschende Eliten, die die gesellschaftlichen Einrichtungen und die Beziehungen zerstören, die mich zu dem machen, was ich bin, die die Familie angreifen, die Unterscheidung der (sozialen; A.d.Ü.) Geschlechter abschaffen, die ethnischen Bindungen und die traditionellen moralischen Selbstverständlichkeiten abschaffen, die die Religion aus dem öffentlichen Leben vertreiben und privaten Gesellschaften vorschreiben, wen sie aufnehmen und warum, sind ebenfalls tyrannisch.
Inhaftierung und Exilierung sind Strafen, da sie einen Menschen seinem sozialen Umfeld entreißen. Absichtliche Zerstörung dieses Umfeldes ist noch deutlich schlimmer. Man sagt, daß Völkermord die absichtliche Zerstörung der Lebensgrundlagen von Volksgruppen einschließe. Der Liberalismus tut dies allen Volksgruppen an, indem er das abschafft, was Nationalität begründet. Wie kann das hinnembar sein? Wenn jeder solche Taten als unanfechtbare Erfordernisse der Gerechtigkeit loben muß, wenn es beinahe unmöglich ist, Protest hörbar werden zu lassen, und wenn Kritiker als Feinde der Menschheit behandelt werden, wenn die Existenz irgendeines höheren Maßstabes verneint wird, dann nimmt die Tyrannei, wie auch immer sie aufrechterhalten wird, totalitäre Züge an.
Von derartigen Beschwerden könnte man immer noch denken, sie seien bombastisch. Die Beschränkungen der Meinungs-, Rede- und Versammlungsfreiheit und der Selbstregierung des Volkes können unzweifelhaft wegerklärt werden. Es kann sein, daß Angriffe auf grundlegende Institutionen bestimmte Vorzüge haben, weil alle Institutionen ihre Ungerechtigkeiten und ihre Verderbnisse haben. Das Leben ist immer noch angenehm für viele Menschen, solange sie sich entspannen und auf ihre individuellen Ziele konzentrieren — “lehnen Sie sich zurück und atmen Sie durch”, wie es Frau Clinton vorschlug. Dennoch gibt es ganz einfache Gründe, um die Zukunft besorgt zu sein. Unverantwortliche Macht korrumpiert. Eine freie Regierung braucht eine festgelegte und weitläufige Verteilung der Macht ebenso wie den Zusammenhalt wesentlicher Teile des Volkes, so daß dieses seine Herrscher zur Verantwortung ziehen kann. Der heutige Liberalismus zerstört beides.
Zur Zeit zerstört der Liberalismus niemanden physisch, ausgenommen die Serben, die Ungeborenen und — zunehmend — die Alten und Unnützen. Eventuell sollte die Statistik auch Morde und Selbstmorde aus zerfallender sozialer Ordnung berücksichtigen und einige Russen, die sich seit dem Zerfall des Kommunismus zu Tode getrunken haben, doch auf diesem Punkt muß man nicht bestehen. Wie seine Bilanz bis heute auch ist, der Liberalismus ist eine unter etlichen modernen politischen Bewegungen, die die menschliche Natur leugnen. Er macht die menschliche Natur zu einer Sache von Entscheidungen und Techniken, genau wie der Kommunismus sie zu einer Sache der wirtschaftlichen Evolution und der Faschismus sie zu einer Sache des menschlichen Willens und des nationalen Wettstreits machte.
In jedem Falle war das Motiv, die menschliche Natur als ein Hindernis für die Neuerschaffung der Welt fortzuschaffen. Die Schwierigkeit dabei war, daß die Zerstörungen in den Konzepten der befestigten und verwurzelten menschlichen Natur wiederholt zur tatsächlichen Zerstörung großer Zahlen wirklicher Menschen geführt hat. Diese Folge erscheint natürlich. Wenn es “den Menschen” nicht gibt, warum sollte es eine Rolle spielen, ob es Menschen gibt? Liberale nehnen die Bedrohung, die in solchen Folgerungen liegt, nicht ernst, aber es ist unklar warum. Wenn “menschlich” inhaltsfrei ist, dann wird es zu einer politischen Einteilung, deren Kriterien politisch festgelegt werden, und wenn es irrational ist, einen grundlegenden Unterschied zwischen einem Menschen und einem Hund zu erkennen, was beides liberale Ansichten im Aufkommen sind, dann scheint die Bühne ziemlich deutlich bereitet zu sein für Schreckliches. In Abwesenheit einer verläßlichen Möglichkeit, die Führung zur Verantwortung zu ziehen, müssen die Schrecknisse auch nicht dauerhaft Gegenstand strittiger Interpretation sein. Weicher Totalitarismus kann zu hartem werden.
Was auch immer für uns geplant ist; eine Tyrannei — besonders eine totalitäre Tyrannei — kann nicht andauern. Der Liberalismus wird sich in der Praxis genauso selbst zerstören wie in der Theorie. Tyrannen müssen vorsichtig sein, doch der Liberalismus kann nicht für immer vorsichtig bleiben. Er macht menschliche Wünsche zum Maß aller Dinge und hat daher keinen Platz für unangenehme Wahrheiten. Die Konsequenzen sind überall zu finden; der Liberalismus braucht fähige Eliten, ist aber unwillig, menschliche Unterschiede zu erkennen, und stellt daher Pläne für Fördermaßnahmen auf, die es unmöglich machen, mit Fragen relativer Befähigung umzugehen. Er kann Autorität, der nicht zugestimmt wird, nicht rechtfertigen — zum Beispiel elterliche Autorität oder auch nur gewöhnliche moralische Maßstäbe — und fühlt sich daher genötigt, sie als repressiv zu untergraben, ungeachtet der Konsequenzen. Die sich daraus ergebende Unordnung durchdringt das Gemeinwesen, und weil die Generationen einander nachfolgen, wird es immer schwieriger, eine ordentliche Führung aufrechtzuerhalten.
Des Weiteren kann eine Philosophie, die von unabhängigen, ihre je eigenen Interessen verfolgenden Einzelnen ausgeht, nicht mit Fragen umgehen, die über das Leben des Einzelnen als eines im Selbstinteresse Handelnden hinausgehen — Fortpflanzung und Kindererziehung, Loyalität und Opfer, Leben und Tod. Solche Fragen sind grundlegend für das Überleben der Gesellschaft, doch der Liberalismus kann sie nur als Angelegenheiten der individuellen Vorzugs begreifen. Die Konsequenzen sind suizidal niedrige Geburtenraten, Kinder, die ohne die Fürsorge ihrer Eltern aufwachsen und eine Armee, die mit Verlusten nicht klarkommt. Wenn solche Zustände anhalten, und es ist schwer zu erkennen, was am Liberalismus sie aufhalten kann, bedeuten sie das Ende der liberalen Gesellschaft.
Deshalb besteht die Wahl zwischen einem Liberalismus, der, um zu herrschen, seine eigenen Prinzipien negiert, was folglich zu Korruption, obskurantistischer Tyrannei und möglicherweise zum Zusammenbruch führt, und einem System, das ausdrücklich auf autoritativen, transzendentalen Werten basiert. Ein System der letzteren Art kann auch in vielen Hinsichten liberal sein, doch würde es die Freiheit als letzten Maßstab ablehnen und wäre in heutigen Begriffen radikal unfreiheitlich. Ein System transzendentaler Werte, die eine Lebensweise begründen, ist ihrer Wirkung nach eine Religion; wir haben daher die Wahl zwischen der Herrschaft der Gewalt und der Täuschung (vielleicht der verkleideten, vielleicht nicht) und der Anerkennung der religiösen Fundierung von Gesellschaft und Führung.
Die grundlegende Frage der Politik ist, welche Religion etabliert werden soll. Jede Autorität muß auf einer gemeinsamen Auffassung über Prinzipien aufbauen, die höher sind als menschlicher Wille, die in der Natur der Dinge verwurzelt sind. In demselben Maße, wie er selbst zum obersten Prinzip zu werden versucht, kann der Liberalismus nicht anders, als solche Fragen zu beantworten. Dem Anspruch auf Neutralität zum Trotz verkörpern die amerikanischen Gesetze heute eine religiöse Auffassung. Diese schließt Ansichten vom öffentlichen Leben aus, die transzendente Religion ernst nehmen, wobei sie sie der Substanz nach behandelt, als seien sie falsch. Sie kann jedenfalls nicht zurechtkommen ohne ein Weltbild und ohne eine Quelle von moralischer Verpflichtung, und findet beides im Menschen als letztem Maßstab. Sie erklärt menschlichen Genius zum schöpferischen Prinzip und den Willen jedes Einzelnen zur Quelle allen Wertes. Eine solche Sichtweise ist religiös, die Religion vom Menschen als dem Schöpfer und Richter aller Dinge. Als eine Reaktion auf letzte Fragen, die unausgesprochen unsere öffentliche Ordnung motivieren, ist sie unsere etablierte Religion.
Sie ist eine Religion, die das Versprochene nicht wird halten können, letztlich weil sie keinen Sinn ergibt. Indem sie versucht, das Mysterium am Grund der Dinge abzuschaffen, schafft sie es lediglich, alle Dinge unverständlich zu machen. Sie macht den Menschen zum Maßstab, doch die Menschen sind schwach, wandelbar, dem Irrtum ausgeliefert und im Streit miteinander. Zusammenhanglosigkeit bringt Zusammenhanglosigkeit hervor: Die liberale Neutralität ist nicht neutral, die liberale Toleranz ist intolerant, und der liberale Hedonismus versagt uns Wünsche. Weil der Liberalismus so angewachsen ist, daß er sich in der Praxis selbst zerstört, kann nicht einmal sein etablierter Status mehr ein Grund sein, ihn zu unterstützen. Er muß zurückgewiesen und ersetzt werden; er wird in keinem Punkt von Dauer sein, und es wird das Beste sein, wenn er auf vernünftige Weise ersetzt wird und mit dem Bewußtsein, warum er gescheitert ist.
Die vernünftige Art, über den Liberalismus hinwegzukommen, ist über die Fragen zu diskutieren, die er umgeht und nicht beantworten kann. Geistig kann er deren freie Diskussion nicht überleben; ein Zweck der “Politischen Korrektheit” und der Zentralisierung des intellektuellen Lebens ist es zu verhindern, daß sie erhoben werden. Sowohl die moderne Kommunikationstechnik als auch die liberale Forderung nach freier Rede erschweren jedenfalls die völlige Unterdrückung solcher Fragen. Wenn die praktischen Belastungen der liberalen Gesellschaft ernst genug werden, werden die geistigen Schwachpunkte des Liberalismus immer deutlicher werden. Als ein in sich geschlossenes, kaum in der empirischen Wirklichkeit verwurzeltes System könnte der Liberalismus genauso auseinanderfallen wie der Sowjetkommunismus oder der Neuengland-Kalvinismus, der problemlos funktionierte, bis er wie eine Blase platzte.
Wenn aber der Liberalismus einmal weg ist, was kommt dann? Sogar bei einem schlechten Denksystem ist es unwahrscheinlich, daß es abgeschafft wird, bevor es etwas gibt, das es ersetzen kann. Eine Religion kann man sich nicht aussuchen wie einen Anzug. Die Religion eines Volkes hängt von einer unüberschaubaren Menge von Dingen ab, ist unvernünftig oder superrational (ein Begriff aus der Spieltheorie, der die Fähigkeit zur uneigennützigen Kooperation beschreibt; A.d.Ü.) und ist weniger eine Frage der Wahl als eine der Erkenntnis. Sie wird nichtsdestoweniger auf die eine oder andere Weise festgelegt. Der Mensch benötigt ein Leben in Gemeinschaft mit Seinesgleichen, und das Gemeinschaftsleben erfordert ein gemeinsames Verständnis von der Natur der Welt und dem Ort des Menschen in ihr. Unser öffentliches Leben, soweit es heute existiert, basiert auf einer Religion, der man kaum einen Sinn wird abgewinnen können, die man noch schwerer glauben kann und die schließlich und endlich darauf beruht, daß man sich selbst und andere betrügt. Sie wird ersetzt werden. Bis dies passiert, wird ein besseres öffentliches Leben Formen annehmen. Alles, was diejenigen, die nach einer besseren Zukunft suchen, jetzt machen können, ist, sich darauf vorzubereiten, indem sie sich von dem existierenden System der Dinge fernhalten, die grundsätzlichen Fragen stellen, aus denen alle Religionen entspringen, sich mit anderen zusammentun, um sie zu beantworten und mit den Fragen diejenigen herausfordern, die den gegenwärtigen Zustand unterstützen. Alles andere liegt in Gottes Händen.