von Fjordman
Original vom 27. August 2007 in The Brussels Journal: Could the Ancient Greeks Have Created the Scientific Revolution?
Übersetzung von Eisvogel
Dieses Essay wurde durch einen Kommentar des Bloggers und Lesers von The Brussels Journal Conservative Swede inspiriert, der einmal sagte, die wissenschaftliche und industrielle Revolution seien Produkte griechischer Logik und römischer Ingenieurskunst und hätten wenig mit dem Christentum zu tun. Ich denke, er geht in seiner Kritik am Christentum zu weit, was aber nicht heißt, dass nichts von dem, was er sagt, richtig ist. Ja, eine globalistische Weltsicht, die teilweise aus christlichem Universalismus abgeleitet ist, trägt zu den Schwierigkeiten bei, die westliche Länder bei der Aufrechterhaltung ihrer Grenzen haben. In Großbritannien wird es möglicherweise Hunderttausenden von abgelehnten Asylbewerbern erlaubt, im Rahmen einer „Hintertür-Amnestie“ dauerhaft im Land ansässig zu werden. Das wird von vielen führenden Christen unterstützt. Der Westen ist keine ausschließlich „christliche“ Kultur. Das erste erkennbar westliche Volk waren die griechischen Heiden und viele christlichen Länder sind nicht einmal entfernt westlich. Andererseits hat das Christentum über 2000 Jahre hinweg einen machtvollen Einfluss auf unsere Zivilisation ausgeübt. Es ist schwierig, sich unsere Kultur ohne es vorzustellen.
Humanisten der Renaissance sahen alles zwischen dem Untergang Roms im 5. Jahrhundert und dem Wiederaufleben des klassischen Erbes im 15. (oder 14.) Jahrhundert als ein unaufgeklärtes Zeitalter, das sie das Mittelalter nannten. Im 19. Jahrhundert widmeten der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt und der deutsche Historiker Georg Voigt der Epoche, die als „Renaissance“ oder „Wiedergeburt“ bezeichnet wird, beträchtliche Zeit.
Der Begriff „mittelalterlich“ ist inzwischen, etwas zu Unrecht, zu etwas geworden, das einen dezidiert negativen Beigeschmack hat. Es gab in der Tat in der Zeit nach dem Zusammenbruch der römischen Herrschaft Unruhen und gesellschaftliche Umbrüche, die substantielle Bevölkerungsbewegungen quer über den Kontinent nach sich zogen. Es gab jedoch sogar während dieser turbulenten und aufgewühlten Zeiten Ausnahmen. Den Karolingern gelang es im 8. Jahrhundert, die islamische Invasion in Frankreich aufzuhalten und für einige Zeit einen erstarkten Staat aufzubauen. Das Christentum verbreitete sich unter den Barbaren und insbesondere ab dem 11. Jahrhundert erlebte Europa den Aufstieg stärkerer Staaten und größerer politischer Stabilität. Das war die Zeit, in der die ersten europäischen Universitäten gegründet wurden; in den Bereichen Landwirtschaft und Handel wurden grundlegende Verbesserungen erforscht, die den Weg zu einem schnellen Anwachsen der europäischen Bevölkerung ebneten. In mancherlei wichtiger Hinsicht, insbesondere was die Ansammlung von Wohlstand, wissenschaftlichen Erkenntnissen und den Willen, die praktische Anwendung der Technologie in langfristige Projekte zu investieren, holte das Mittelalter nicht nur mit der klassischen Antike auf sondern übertraf sie sogar. Die Renaissance war ein wichtiges Ereignis in der westlichen Geschichte, aber als Ganzes gesehen schuldet der moderne Westen dem Mittelalter wahrscheinlich mehr als der Renaissance.
Der Blogleser Pagan Westerner [heidnischer Westler] sagt, dass er, wenn er an die westliche Zivilisation denkt, an „Plato, Aristoteles, Archimedes, Euklid, Sokrates, Euripides, Sophokles, Horaz, Cicero, Provider, Homer“ denkt. „Kurz gesagt, ich denke an die Griechen und Römer, die entschieden HEIDNISCH waren. Die Wurzeln der westlichen Zivilisation kommen von Heiden, nicht von Christen. Wissenschaft, Kunst, Philosophie, Geometrie, Algebra, was immer man will. Welche krönenden Errungenschaften der westlichen Zivilisation wurden zwischen den Jahren 300 und 1400 n. Chr. gemacht? Mir fallen nur sehr wenige ein. Diese Zeit wird üblicherweise als das Dunkle Zeitalter bezeichnet und das mit gutem Grund.“ Und darüber hinaus wandten sich die Europäer während der Renaissance, als die Zivilisation aufblühte, auf ihrer Suche nach Inspiration wieder den Griechen und Römern zu. Seiner Ansicht nach war die Katholische Kirche nichts weiter als „eine korrupte und barbarische Institution.“
Wie der Blogger Lawrence Auster erwidert, war jedoch die Katholische Kirche die einzige überlebende Institution aus der Römischen Welt: „Über Hunderte von Jahren hinweg wurden die germanischen und keltischen barbarischen Nationen Europas langsam christianisiert und wurden im Laufe dieses Prozesses zu gefestigten Nationen unter der Herrschaft des Gesetzes. Die Mischung aus Christentum (das viel vom klassischen Erbe in sich trug) und den Kulturen der germanischen Barbaren kennzeichnete den Anfang einer neuen Zivilisation, die wir heute den Westen nennen. Die westliche Zivilisation ist nichts Einzelnes, sondern eine Verschmelzung aus (1) der Kultur der zerstörten Klassik, (2) der christlichen Religion und (3) den Kulturen der nordischen Barbaren. [...] Das Hochmittelalter (1000 bis 1300) war das Produkt des Frühmittelalters (das Dunkle Zeitalter) und diente seinerseits als Grundlage der modernen westlichen Zivilisation.“
Diese Periode brachte auch die romanische und gotische Architektur mit sich. Der Begriff „Gotik“ ist eine Fehlbezeichnung, denn der Stil hatte nichts mit den Goten, einem nachrömischen germanischen Stamm, zu tun. Er wurde von Brunelleschi während der Renaissance und der Wiedergeburt des klassischen Stils geprägt. Alles Vorhergehende wurde als barbarisch betrachtet. Wer jedoch die großen gotischen Kathedralen wie zum Beispiel Notre Dame in Paris gesehen hat, wird es nicht schaffen, auch nur ein Anzeichen von Barbarentum in ihnen zu finden. Der romanische Stil wird im Englischen üblicherweise als normannischer Stil bezeichnet, weil er in England von den Normannen, den Eroberern französisch-wikingisch(nordisch)-gemischter Herkunft, vorangetrieben wurde. In der Kathedrale von Winchester im normannischen Stil fanden Krönungen statt, einschließlich die des Kreuzfahrerkönigs Richard Löwenherz, sowie auch Begräbnisse angefangen vom Sohn Wilhelms des Eroberers bis hin zu der Romanautorin Jane Austen.
Weder die nordischen Länder noch der größte Teil Deutschlands oder die keltischen und slawischen Nationen Nord- und Osteuropas waren je Teil des Römischen Reiches und dennoch reden wir immer noch von unserem gemeinsamem „griechisch-römischen Erbe.“ Alle europäischen Sprachen sind übersät mit griechischen und lateinischen Wörtern. Skandinavier beteten Thor, Odin und eine ganze Reihe anderer nordischer Götter an, die in vielerlei Hinsicht Sterblichen glichen, nur mehr Macht als diese hatten und den alten Göttern der Griechen und Römer nicht unähnlich waren. Das Ende des Wikingerzeitalters, das üblicherweise auf die Mitte des 11. Jahrhunderts datiert wird, fiel weitgehend mit der Christianisierung der Skandinavier zusammen, mit der wir schrittweise in die größere Matrix der europäischen Zivilisation integriert wurden. Das klassische Erbe kam auf dem Rücken des Christentums zu uns.
Bruce S. Thornton, ein amerikanischer Klassizist und Autor, führt aus, dass Philosophie, Historie, Logik, Physik, Kritik, Rhetorik, Dialektik, Dialog, Tragödie, Komödie, Epik, Lyrik, Analyse und Demokratie alles griechische Wörter und Ausdruck kritischen Bewusstseins sind.
Während medizinische Schriften der antiken Zivilisationen Ägyptens und Mesopotamiens immer noch dem Aberglauben untergeordnet waren, „ignorierten die Griechen in ihren medizinischen Schriften weitgehend übernatürliche Erklärungen und richteten ihr Augenmerk stattdessen auf ihre eigenen Beobachtungen und die beständigen Muster der Natur.“ Zum Beispiel wird in einem Werk von Hippokrates ausgeführt, dass Epilepsie eher natürliche Ursachen hat als göttlichen Ursprungs ist, wobei letzteres damals allgemein angenommen wurde. Der griechische Arzt Hippokrates aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. wird im allgemeinen als der Vater der Medizin bezeichnet, und der Hippokratische Eid zur Medizinethik wird auch heute noch von vielen Ärzten geleistet.
In den Augen Thorntons ist „kritisches Bewusstsein das kostbare Vermächtnis der Griechen an den Westen, es ist die Weltanschauung, welche die kulturellen, intellektuellen und politischen Ideen hervorbringt – Redefreiheit, Rationalismus, einvernehmliche Regierungen, Individualismus, Menschenrechte – die wir alle heute schätzen. Selbst während der Dominanz der christlichen intellektuellen und kulturellen Einheit blieb dieser Impuls der Herausforderung, Infragestellung und kritischer Haltung bestehen, wie man anhand der zahllosen theologischen Dispute und Häresien während des christlichen Zeitalters sehen kann, und sie kulminierte in der großen Bewegung der christlichen Selbstkritik, der Reformation. Sowohl die Renaissance als auch die Aufklärung waren zu einem gewissen Grad Ausdruck der Befreiung dieser kritischen Selbsterkenntnis aus den traditionellen Beschränkungen des christlichen Dogmas und versteinerten Bräuchen.“
Ja, die Griechen schätzten rationales Denken, ein kostbares Vermächtnis, das sie uns hinterließen. Deshalb identifizieren wir uns auch immer noch mit ihnen. Sie waren Westler in mancherlei entscheidender Hinsicht, aber sie hielten auch an Vorstellungen fest, die für uns heute fremdartig sind, und moderne Westler haben später ganze Lagen von Ideen und Konzepten hinzugefügt, die den alten Griechen zweifellos gleichermaßen fremdartig vorgekommen wären. Hätte griechische Logik und Genialität alleine die wissenschaftliche Revolution auslösen können? Ich bin davon nicht ganz überzeugt.
Der Mechanismus von Antikythera ist ein Gerät, das von einem griechischen Taucher im Jahr 1900 geborgen wurde. Es wird auf das 2. Jahrhundert v. Chr. datiert und in den Worten eines internationalen Forschungsprojekts, das sich mit ihm befasste, ist „nichts, das ihm an Komplexität gleicht, in den darauf folgenden tausend Jahren oder möglicherweise sogar länger bekannt.“ Es wurde gebaut, um astronomische Phänomene zu studieren. „Es arbeitetet als komplexer mechanischer ‘Computer’,“ obwohl sein „Programm“ nicht geändert werden konnte. Nach den erhaltenen Texten aus der Bibliothek von Alexandria zu urteilen wurden die ersten Prototypen von Archimedes gebaut. Es ist auch bekannt, dass die Griechen später mehrere ähnliche mechanische Geräte bauten.
Der Mechanismus wurde als Beweis dafür herangezogen, dass die alten Griechen technologisch fortgeschrittener waren als wir ihnen normalerweise zugestehen. Professor Mike Edmunds von der Universität Cardiff sagt dazu: „Es bringt einen dazu, sich zu fragen, was sie erreicht hätten, wenn sie weitergemacht hätten und wenn sie nicht von den Römern übernommen worden wären, die dem ein Ende setzten. Hätten sie im Jahr 300 n.Chr. einen Mann auf den Mond geschickt? Es hört sich lächerlich an, aber wenn sie in der Lage waren, etwas technisch dermaßen Brillantes zu konstruieren, liegt es nicht vollkommen im Bereich der Fantasie.“ Die Römer „waren großartig in Dingen wie dem Bau von Kanalisation und allem Praktischen, aber es waren die Griechen, die Denker waren und mit wirklich innovativer Technologie herauskamen.“
Der Journalist John Seabrook stellt die zeitgemäße Frage: „Wenn die Griechen also größeres technologisches Wissen hatten als wir von ihnen glaubten, warum haben sie es dann nicht dazu angewandt, nützlichere Dinge herzustellen – für Arbeit und Zeit sparende Maschinen zum Beispiel – anstatt ausgefeilte singende Automaten? Oder ist das, was wir an Technologie für wichtig erachten – was vor allem ihre Nützlichkeit ist – etwas anderes als das, was die Griechen als wertvoll erachteten: Amüsement, Erleuchtung, Vergnügen als Selbstzweck?“
Nach Seabrook wurde darüber spekuliert, ob der Erfinder des Mechanismus von Antikythera möglicherweise Hipparchus war, der größte aller griechischen Astronomen, der zwischen 140 und 120 v.Chr. auf der Insel Rhodos lebte. Man glaubt, er habe eine Schule gegründet, die von Posidonius weiter erhalten wurde. Der römische Geschichtsschreiber Cicero, der dort studierte, erwähnt ein Gerät, „das kürzlich von unserem Freund Posidonius konstruiert wurde.“
Bei einer Internetrecherche stolperte ich über einen faszinierenden Text mit dem Titel „Warum haben sie in der Antike keine Maschinen entwickelt?“ Er stammt anscheinend von Hal Haskell, einem Professor für Klassik an der Southwestern University in the USA.
Ihm zufolge schuf ein griechischer Ingenieur namens Ctesibius, der in Alexandria im Ptolemäischen Ägypten im 3. Jahrhundert vor Christus lebte, eine hydraulische Orgel, die von einer durch ein Luftkissen unterstützten Wassersäule betrieben wurde. Hero, ein weiterer Ingenieur aus dem ersten Jahrhundert n. Chr. beschrieb die erste bekannte Dampfmaschine, eine rudimentäre Windmühle und andere Erfindungen, die offenbar als Kuriositäten betrachtet wurden und niemals zu Maschinen wurden, die menschliche Arbeitskraft ersetzten. Hero von Alexandria lebte in einer wichtigen Stadt des Römischen Reiches und zwar in einer wohlhabenden Phase und doch haben seine potentiell revolutionären Ideen niemals viel praktische Aufmerksamkeit erregt.
Die Römer kannten die Wassermühle. Ihre Vorgänger, die Etrusker, kannten sie wahrscheinlich schon Jahrhunderte zuvor. Im ersten vorchristlichen Jahrhundert verfasste der Architekt und Ingenieur Vitruvius, der unter Julius Cäsar in der Armee diente, das Buch Die zehn Bücher der Architektur, das er Kaiser Augustus widmete. Er beschreibt darin mehrere bekannte Erfindungen, unter anderem die Wassermühle, die er mit beiläufiger Gleichgültigkeit erwähnt. Die Römer konnten großartige Meisterstücke der Ingenieurskunst erschaffen, die wir heute noch bewundern, sowie Straßen, die auch in modernen Zeiten noch in Gebrauch sind. Massive Aquädukte versorgten wichtige Städte überall in Europa mit Wasser. Und doch kann, wie Haskell sagt: “ eine Wassermühle in weniger als drei Minuten mühelos die Menge Korn mahlen, für die ein Mensch oder ein Tier eine Stunde harter Arbeit benötigt. Einmal entdeckt, hätte sie sich eigentlich in der mediterranen Welt genauso rasant verbreiten müssen wie sie sich ein Jahrtausend später über Europa verbreitet hat. Nichts dergleichen ist geschehen.“
Warum nicht? Eine Erklärung, die marxistische Historiker dafür haben, ist die, dass die weit verbreitete Sklaverei in der griechisch-römischen Welt jeglichen Anreiz zur Entwicklung von Technologie verhinderte. Haskell glaubt, dass „man nachdrücklich ausschließen kann, dass Sklaven stets im Überfluss vorhanden und billig waren; es gab lange Perioden, in denen es keineswegs so war.“ Er führt aus:
„Es war niemand aus der Antike sondern ein westlicher Europäer aus dem Mittelalter, Hugh of St. Victor, der sagte „Propter neressitatem inventa est mechanica“ (Not ist die Mutter der Technologie). Zu seiner Zeit begann die Technologie, sich in die Denkgewohnheiten der Menschen zu integrieren. Sie hatten gelernt, sich automatisch an sie als Weg zur Lösung gewisser Probleme zu wenden; sie haben - kurz gesagt - die Erfindung erfunden. Der Ausspruch wäre niemals über die Lippen eines Griechen oder Römers gekommen. Es fehlte ihnen komplett an einer Tradition, eine dauerhafte Anstrengung auf sich zu nehmen, um eine technologische Lösung für ein gefühltes Bedürfnis zu finden. Erfindung war nach ihrer Sichtweise das Ergebnis eines glücklichen Zufalls. Unter ihren Helden finden sich keine James Watts, keine Thomas Edisons, keine Männer, die ihr ganzes Leben dem Studium eines Geräts, dem Experimentieren mit ihm und seiner Perfektionierung widmeten. Ihre klassische Geschichte ist die von Archimedes, der das Gesetz des spezifischen Gewichts entdeckte, als er in der Badewanne saß und darüber nachdachte, wie man die Ehrlichkeit eines Goldschmieds prüfen könne.“
Die klassische Welt litt auch an einem ernsthaften Vorurteil gegenüber dem Handwerk. Cicero erklärte „Alle Handwerker sind mit einer niederen Kunst befasst, denn keine Werkstatt hat etwas, das einem freiem Mann gerecht wird.“ Der Historiker Plutarch bemerkte, dass Archimedes, obwohl ihm Beifall für seine militärischen Erfindungen gespendet wurde, „niemals ein Buch darüber hinterlassen hat, sondern die Ingenieursarbeit und alles Kunstwerk, das mit Alltagsbedürfnissen zusammenhängt, als vernachlässigbar und nur für einen Kunsthandwerker von Belang betrachtete. Er widmete seinen Ehrgeiz nur den Studien, bei denen Schönheit und Feinheit nicht durch Nützlichkeit verunreinigt waren.“ Haskell glaubt, dass das daher rührt, dass „die hellsten Köpfe der Antike sich nicht mit Technologie beschäftigten, es sei denn zum Zeitvertreib und für den Krieg.“
Ein weiteres Problem war, dass der griechisch-römischen Welt ein modernes Verständnis von Kapitalismus fehlte. Wohlstand sollte bevorzugt aus Land erwachsen. Handel war gesellschaftlich nur mäßig akzeptiert, während auf die Industrie sogar herabgesehen wurde, was der Grund dafür ist, dass letztere in der römischen Welt „niemals über das Stadium großer Werkstätten hinaus gelangte.“ Cato war im 2. Jahrhundert v. Chr. ein römischer Grundbesitzer, nicht besser oder schlechter als jeder andere. Haskell behauptet allerdings: „Wenn man ihn um seinen Rat gefragt hätte, welches Getreide sich am besten verkauft oder welches den besten Reingewinn erwirtschaftet, wenn man ihn nach Umsatzgeschwindigkeit, Kapitalinvestition oder anderen Standards des heutigen ökonomischen Wissens gefragt hätte, hätte er nicht einmal gewusst, wovon man redet.“
Die Windmühle zum Mahlen von Getreide hatte ihr Debüt wahrscheinlich in Persien, vermutlich im 7. Jahrhundert n. Chr. Sie verbreitete sich nur wenige Jahrhunderte später explosionsartig über das mittelalterliche Europa und bis zum 14. Jahrhundert „hatte Wasser- und Windkraft die Muskelkraft ersetzt und zwar nicht nur zum Walken von Tuch und Mahlen von Getreide in Gebrauch, sondern auch zum Holzsägen, Wasserheben und Zerkleinern von allem Möglichen von Erz bis zu Oliven.“ Im Gegensatz dazu enthüllte der führende arabische Ingenieur seiner Zeit im Jahr 1206 seiner Leserschaft, dass die Vorstellung, Mühlen können von Wind betrieben werden, Unsinn sei.
Viele der frühesten Mühlen entstanden in Klöstern. Es gab jedoch zwei Formen des Christentums: Das des griechischen Ostens und das des römischen Westens, „doch die Technologie entwickelte sich im Osten nicht weiter als sie es im alten Griechenland und Rom tat.“ Die Ostchristen waren der Ansicht, dass Sünde Unwissen ist und dass das Heil durch Erleuchtung kommt, die Westchristen waren der Ansicht, dass Sünde Laster ist und dass die Wiedergeburt dadurch kommt, dass man den Willen diszipliniert und gute Taten vollbringt. Haskell weiter: „Der Effekt dieses theologischen Unterschiedes war die Wiederherstellung der Respektabilität nicht nur des Kunsthandwerkers sondern auch der Handarbeit ganz allgemein, und die Abkehr von dem schlechten Ruf, unter dem sie die ganze antike Zeit über gelitten hatte. Und dabei spielte die Klosterbewegung eine bedeutsame Rolle. Von Anfang an wahren die Mönche achtsam auf die hebräische Tradition bedacht, dass Arbeit in Übereinstimmung mit den Geboten Gottes steht.“
Ironischerweise konnte exakt aus dem Grund, dass die politische Autorität im Westen stärker zerfiel, sich dort eine vollkommen neue kulturelle Synthese entwickeln, denn „die Zivilisation ist so verheerend zusammengebrochen, dass die Mönche gezwungen waren, für alle Aspekte der Kultur, profane und sakrale, Verantwortung zu übernehmen, für das körperliche Leben ebenso wie für das geistige. Daraus erwuchs ein Interesse an praktischen Dingen ganz allgemein und an den physischen Aspekten der Anbetung im Speziellen, eine Interessenlinie, die zu Ausschmückungen an Kirchen und beim Gottesdienst durch Technologie führte.“ Während die Ostkirche Musik verbot „prangte in der Kathedrale von Winchester bereits im 10. Jahrhundert eine riesige Orgel mit 400 Pfeifen, die von 28 Blasebalgen betrieben wurden, zu deren Betrieb 70 Männer notwendig waren.“
Das führte zu der Erfindung der polyphonen Musik und somit indirekt zum Aufstieg von Komponisten wie Bach und Beethoven. Hier zeigt sich ein ganz klares Beispiel dafür, wie kulturelle und religiöse Vorstellungen nicht nur zwischen unterschiedlichen Religionen sondern sogar zwischen unterschiedlichen Doktrinen verschiedener Konfessionen derselben Religion einen großen und dauerhaften Einfluss auf die Entwicklung einer Gesellschaft haben können. Materialistische Historiker unterschätzen die Kraft und die Bedeutung menschlicher Ideen.
Lynn White, ein Professor für mittelalterliche Geschichte, sagt: „Zu Ende des 15. Jahrhunderts war die technologische Überlegenheit Europas dergestalt, dass seine kleinen, sich gegenseitig feindlich gesinnten Nation überall in den Rest der Welt ausschwärmen und dort erobern, Beute machen und kolonisieren konnten. Das Symbol dieser technologischen Überlegenheit ist die Tatsache, dass Portugal, eine der schwächsten Nationen des Abendlandes, in der Lage war, Herrin über Ostindien zu werden und über ein Jahrhundert hinweg zu bleiben.“ Das war eine radikal neuartige Entwicklung während des Mittelalters, denn „vor dem 11. Jahrhundert existierte im lateinischen Westen fast keine Wissenschaft, nicht einmal in römischen Zeiten.“
Er glaubt, dass „der Sieg des Christentums über das Heidentum die größte psychische Revolution in der Kulturgeschichte war. Es ist heute Mode geworden, zu sagen, dass wir wohl oder übel im ‘postchristlichen’ Zeitalter leben. Sicher haben unsere Denk- und Sprechweise weitgehend aufgehört, christlich zu sein, aber in meinen Augen sind sie in der Substanz denen der Vergangenheit oft erstaunlich ähnlich. Unsere alltäglichen Gewohnheiten in der Art, wie wir handeln, sind zum Beispiel von einem impliziten Glauben an ständigen Fortschritt geprägt, der sowohl der griechisch-römischen Antike als auch dem Orient unbekannt war. Er wurzelt in der jüdisch-christlichen Theologie und kann nicht von ihr getrennt gesehen werden.“ Die Tatsache, dass Marxisten diese Sicht teilen, dass die Geschichte sich unaufhaltsam auf ein bestimmtes Ende zubewegt, was ein lineares Zeitkonzept ohne periodisches Wiederkehren beinhaltet, zeigt, dass der Marxismus eine „jüdisch-christliche Häresie“ ist.
White sieht die christliche Grundhaltung auch als verantwortlich für die Zerstörung der Umwelt, weil sie den Menschen nicht als ein Geschöpf sieht, das in Harmonie mit der natürlichen Welt lebt, sondern als ihr Herr und Meister: „Indem es den heidnischen Animismus zerstört hat, hat es das Christentum ermöglicht, die Natur in einer Haltung der Gleichgültigkeit gegenüber den Gefühlen natürlicher Objekte auszubeuten.“ Er glaubt, dass Westler ihren Blick eher auf den Glauben an Demut des Heiligen Franz von Assisi richten sollten – nicht nur in Bezug auf das Individuum sondern auf den Menschen als Spezies. Ich bin der Ansicht, dass White hier mit seiner Anschuldigung an das Christentum zu weit geht. Selbst einige der frühen Maya-Zivilisationen in Mittelamerika sind möglicherweise aufgrund von Umweltzerstörungen zusammengebrochen. Das Problem ist weder neu noch ausschließlich westlichen Ursprungs.
Gemäß dem Autor Rodney Stark wurde „der christliche Glaube an die Vernunft von griechischer Philosophie beeinflusst. Die wichtigere Tatsache ist aber, dass die griechische Philosophie tatsächlich nur wenig Einfluss auf die griechischen Religionen hatte. Diese blieben typische Mysterienkulte.“ Er sagt auch, dass „es während des so genannten Dunklen Zeitalters geschah, dass die europäische Technologie und Wissenschaft den Rest der Welt einholte und überholte. Manches davon waren originäre Erfindungen und Entdeckungen, manche davon kamen aus Asien. Aber das Bemerkenswerte daran war die Art und Weise, wie die vollen Leistungsmöglichkeiten der neuen Technologien erkannt und weitgehend realisiert wurden.“
Das wurde durch den wachsenden Kapitalismus ermöglicht, der zuerst in den Stadtstaaten Norditaliens zusammen mit einem gewissen Maß an politischer Freiheit aufkam. Aus diesem Grund glaubt er, dass der deutsche Soziologe Max Weber mit seiner einflussreichen Studie Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus „offensichtlich falsch“ lag. Der gefeierte belgische Gelehrte Henri Pirenne stellte fest, dass „alle grundlegenden Merkmale des Kapitalismus – Privatunternehmen, Darlehen, kommerzieller Gewinn, Spekulation , usw. – schon vom 12. Jahrhundert an in den Stadtrepubliken Italiens – Venedig, Genua und Florenz – zu finden sind.“
Ich möchte hier etwas Widerspruch gegen Stark erheben. Es kann sein, dass ich voreingenommen bin, weil ich selbst aus einem traditionell protestantischen Land komme, aber ich glaube schon, dass man mit Fug und Recht sagen kann, dass sich protestantische Länder bei der Annahme von Wissenschaft und Kapitalismus als besonders dynamisch erwiesen haben. In diesem Sinne hatte Weber Recht damit, dass es eine Verbindung zwischen Protestantismus und Kapitalismus gibt. Der Protestantismus ermutigte auch einfache Menschen, die Bibel in ihrer Muttersprache zu lesen, was die Alphabetisierung vorantrieb. Aber dennoch entstanden zweifellos die Wurzeln von Wissenschaft und Kapitalismus im katholischen Europa des Mittelalters.
Nach dem Buch Civilizations of the World von Richard L. Greaves, „waren die dramatischen Errungenschaften des Hochmittelalters – städtisches Wachstum, die Organisation von Gilden und Universitäten, der Bau majestätischer Kathedralen und von Gildenhäusern sowie die Wiedergeburt der monarchischen Autorität – nur aufgrund der umfassenden wirtschaftlichen Entfaltung möglich, die aus einem agrikulturellen Aufschwung erwuchs, der seinen Ursprung im 10. Jahrhundert hatte. Die Entwicklung des Dreifeldersystems und des Fruchtwechsels; der Einsatz von ordentlich angeschirrten und behuften Pferden und von Dünger; die Erschließung neuen Landes durch Abholzung und Trockenlegung; und der zunehmende Gebrauch von schweren Pflügen mit Rädern, von metallenem Handwerkszeug und Windmühlen erlaubte es Europa, mehr Nahrung mit weniger menschlicher Arbeitskraft zu erzeugen.“
Die Hanse, Handelsgilden, welche die Niederlande und Deutschland mit Skandinavien, England und dem Baltikum verband, schloss sich den Mittelmeerhäfen in einem ausgedehnten Handelsnetz an. Der Vierte Kreuzzug, eigentlich ein gigantisches Verbrechen, das den Weg zum Fall Konstantinopels an die Moslems ebnete, kam den Italienern zugute, weil er die Byzantiner als Rivalen schwächte. Der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich stärkte die Armeen und ihre Bewaffnung ebenso wie das Nationalgefühl durch das Aufkommen nationaler Symbole wie zum Beispiel Johanna von Orleans. Der Schwarze Tod, die Pest, die im Mongolenreich in Asien grassierte, erreichte Europa in den 1340er Jahren und tötete mindestens ein Drittel der Bevölkerung, in manchen Regionen weit mehr. Die Seuche erreichte Europa wahrscheinlich dadurch, dass die Mongolen während einer Belagerung des Schwarzmeerhafens Caffa biologische Kriegsführung einsetzten, indem sie pestinfizierte Leichen in die Stadt katapultierten. Jedoch nicht einmal die Pest brachte den technologischen Fortschritt in Europa zum Stillstand.
In Gardners Buch Art Through the Ages, 10. Auflage, ist festgehalten „Ganz besonders bezeichnend für die Kunst waren die wachsende Professionalisierung des Künstlers und der Übergang des Mäzenatentums von der Kirche an große Prinzen und königliche Familien zusammen mit wohlhabenden Städten oder auch unabhängig voneinander. Dies konnte zuerst in den Stadtstaaten Italiens beobachtet werden. Wodurch es möglich wurde, war die Akquisition und Akkumulation von Kapital. Trotz all der Widrigkeiten dieses Zeitalters entwickelte sich ein Wirtschaftssystem – das Frühstadium des europäischen Kapitalismus.“
Die Florentiner „entwickelten auch eine Kultur, die von einer gewaltigen Ansammlung von Reichtum stimuliert und gestützt wurde, eine Situation nicht unähnlich der im Athen von Perikles, außer dass es in Athen der Stadtstaat war und nicht Privatpersonen, der die wichtigen Gebäude, Gemälde und Statuen des klassischen Zeitalters in Auftrag gab. In Florenz kontrollierten ein paar glanzvolle Familien den Reichtum und wurden die führenden Mäzene der italienischen Renaissance.“ Die Familie Medici waren die Bankiers für ganz Europa und „mit die berühmtesten Mäzene der römischen Renaissance; Papst Leo X., der Wohltäter Raphaels und Michelangelos, war selbst ein Medici, der Sohn von Lorenzo dem Prächtigen. Niemals sonst in der Geschichte war eine Familie so nahe mit einer großen kulturellen Revolution verbunden. Wir können gesichert sagen, dass die Medici die Renaissance subventionierten und unterhielten.“
Galileo Galilei nannte die Jupitermonde, als er sie entdeckte, nach seinen Wohltätern die „Mediceischen Gestirne“. Später wurde die Bezeichnung in „Galileischen Monde“ geändert.“ Obwohl es 1608 in den Niederlanden erfunden wurde, stellte sich Galileo innerhalb von Monaten seine eigene Version eines Teleskops her und Kepler verbesserte es bald darauf noch mehr. Die Wissenschaft der Optik hatte große Fortschritte gemacht seit im 13. Jahrhundert die erste Brille hergestellt wurde. Gleichzeitig wurde eine neue Art mechanischer Uhren entwickelt und verbreitete sich schnell. Die Idee dazu mag aus Asien gekommen sein, aber Europäer haben sie schnell weiterentwickelt. Galileis Idee, dass „die Sprache Gottes die Mathematik ist“ offenbart die christliche Vorstellung eines rationalen Schöpfers, dessen Gesetze mittels der Logik vorhergesagt werden können. Seine Betonung praktischer Experimente unterschied sich ebenfalls radikal von der Mentalität der alten Griechen.
Der Schreiber Ohmyrus stellt fest: „Im Laufe der Zeit wurden alle ‘einfachen’ Erfindungen gemacht. Neue Erfindungen erfordern mehr Forschung und daher mehr Investition von Zeit und Ressourcen. Die Entdeckung neuer wissenschaftlicher Prinzipien hat oft keine sofortige praktische Anwendungsmöglichkeit. (…) Das erklärt, warum alle Zivilisationen außer der christlichen nach großen Erfolgen in frühen Jahren stagnierten. Die römische Zivilisation dauerte über 1.000 Jahre und brachte die wissenschaftliche Revolution nicht hervor. Die Zivilisationen Ägyptens, Chinas und Indiens, die sogar noch länger andauerten als die römische, taten es auch nicht.“
Viele Kulturen, zum Beispiel die chinesische, konnten viele intelligente Individuen und ausgeweiteten Handel hervorbringen, aber nur im christlichen Europa brachten die historischen Umstände all die Bestandteile hervor, die notwendig waren, um die wissenschaftliche Revolution auszulösen.
In seinem Buch Human Accomplishment: The Pursuit of Excellence in the Arts and Sciences stellt der Autor Charles Murray eine Rangliste individueller Leistungen zwischen 800 v. Chr. und 1950 n. Chr. auf. In westlicher Musik sind diejenigen mit den höchsten Rängen wenig überraschend Ludwig van Beethoven, Wolfgang Amadeus Mozart und Johann Sebastian Bach. In der Mathematik führt der Schweizer Mathematiker Euler vor Newton, Euklid von Alexandria, den Franzosen Fermat und Pascal und mehreren Deutschen: Leibniz, Gauss und Cantor.
In der Physik teilen sich Sir Isaac Newton und Albert Einstein den ersten Platz, gefolgt von Rutherford, Faraday, J. J. Thomson, Cavendish, Niels Bohr aus Dänemark und der polnisch-französischen Physikerin Marie Curie. In der Technik steht der schottische Ingenieur James Watt, dessen Verbesserungen der Dampfmaschine fundamental für die industrielle Revolution waren, zusammen mit dem amerikanischen Erfinder Thomas Edison auf dem ersten Platz, gefolgt von Leonardo da Vinci, dem Holländer Christiaan Huygens, Archimedes und Vitruvius sowie auch Marconi, der aufbauend auf der Arbeit von Maxwell, Tesla, Hertz, dem indischen Physiker Bose und anderen einer der Pioniere bei der Erfindung des Radios war. In kombinierter Wissenschaft: Newton, Galilei, Kepler, René Descartes, Laplace, Pasteur und der Chemiker Antoine Lavoisier.
In der westlichen Philosophie finden wir Aristoteles, Plato, Sokrates, den Heiligen Augustin, den Heiligen Thomas von Aquin sowie auch eine ganze Anzahl von Philosophen der Aufklärung: Kant, Hegel, John Locke, David Hume, Spinoza und Thomas Hobbes, dessen 1651 erschienenes Buch Leviathan einen bedeutenden Einfluss auf späteres politisches Denken hatte. In der westlichen Literatur sind es Shakespeare, Goethe, der italienische Dichter Dante Alighieri, am meisten bekannt durch seine Göttliche Komödie, der römische Dichter Virgil und schließlich Homer, dessen Ilias und Odyssee aus dem 8. oder 7. vorchristlichen Jahrhundert (obwohl manche der Ansicht sind, sie wären nicht die Werke eines einzigen Autors) als der Beginn der klassischen griechischen Antike betrachtet werden.
Man kann dieser Rangfolge in einigen Details widersprechen. In der westlichen Kunst wird Pablo Picasso als zweiter nach Michelangelo aufgeführt. Ich mag Picasso, aber ich bin nicht überzeugt, dass er vor Albrecht Dürer, Rembrandt, Giotto, Velázquez, Donatello und Jan van Eyck aufgeführt werden sollte, um Raphael, Leonardo und Tizian erst gar nicht zu erwähnen. Noch weniger bin ich mit Rousseau in der westlichen Literatur einverstanden, möglicherweise weil ich ihn persönlich nicht mag, aber auch weil ich ehrlich nicht glaube, dass es ihm zusteht, direkt nach Homer und Shakespeare und noch vor Byron, Tolstoi, Dostojewski und Friedrich Schiller aufgeführt zu werden.
Die Liste wird stark von jenen dominiert, die heute weit verbreitet als „tote weiße Männer“ verächtlich gemacht werden, weil sie fast ausschließlich Männer sind und die meisten von ihnen aus Europa kommen. Leidet das Buch an europäischer Einseitigkeit? Europäer haben wohl oder übel während der letzten paar tausend Jahre weitgehend die moderne Welt erschaffen. Nach Murray liegt dass daran, dass „hoch familienorientierte Konsenskulturen durch die Geschichte hindurch in aller Welt die Norm waren. Das moderne Europa war dabei der Exzentriker.“
Murray wird von manchen kontrovers betrachtet, weil er die These vertritt, dass Intelligenz, die sich mittels IQ messen lässt, nicht gleichermaßen unter der Weltbevölkerung verteilt ist. Aschkenasische Juden sind angeblich die ethnische Gruppe mit der höchsten Durchschnittsintelligenz, und sie haben ja auch tatsächlich weit überproportional zu ihrer Anzahl entsprechende Zeichen gesetzt. Es wäre interessant, darüber nachzudenken, wie sehr die Dezimierung des europäischen Judentums Europa verletzt hat, nicht nur moralisch und kulturell, sondern auch ökonomisch. Ostasiaten sind angeblich mindestens genauso intelligent wie Menschen europäischer Herkunft. Wenn die Wissenschaftliche Revolution in Europa und nicht in China stattfand, muss das kulturelle Ursachen haben. Die westliche Kultur hat im Gegensatz zu Konsens und Traditionalismus im Großen und Ganzen größere politische Freiheit und mehr Individualismus genossen. Das Christentum spielte auch eine wichtige Rolle.
Murray schreibt: „Es war eine Theologie, die zum individuellen Handeln als Individuum ermächtige wie es keine andere Philosophie und Religion jemals zuvor getan hat. Die potentiell revolutionäre Botschaft wurde in einem Teil der Christenheit, dem katholischen Westen, vollständiger realisiert als im orthodoxen Osten. Der grundlegende Unterschied war, dass der römische Katholizismus einen philosophischen und künstlerischen Humanismus entwickelte, der von Thomas von Aquin verkörpert und zu einem großen Teil auch hervorgerufen wurde. Aquin lieferte Argumente dafür, die schließlich auch von der Kirche übernommen wurden, dass menschliche Intelligenz ein Geschenk Gottes ist, und dass somit die Anwendung menschlicher Intelligenz mit dem Ziel, die Welt zu verstehen, kein Affront gegen Gott ist, sondern gottgefällig.“
Er glaubt, dass das 20. Jahrhundert einen Niedergang in künstlerischer Fertigkeit erlebte, weil Künstler und Intellektuelle die Religion verwarfen. Es ist auch eine Herausforderung an demokratische Gesellschaften, die Standards für Exzellenz aufrecht zu erhalten, während es eine Besessenheit gibt, jedermann gleich machen zu wollen. Darüber hinaus ist Murray, was den derzeitigen Zustand Europas angeht, pessimistisch. Während eines Besuchs stellte er fest, dass Europäer keinen Stolz auf ihr wissenschaftliches und künstlerisches Erbe besitzen, und dass Versuche, ihnen das klarzumachen, stets auf Pessimismus und ein Gefühl, die europäische Zivilisation sei verflucht, stoßen.
Vielleicht ist der Glaube an einen höheren Zweck notwendig für die Erschaffung wahrer Größe. Errungenschaften, die die Lebensspanne eines einzelnen Menschen übersteigen, entstehen aus dem Respekt für etwas, das größer ist als das Individuum. Viele Europäer erfahren sich selbst nicht mehr als Teil einer größeren Gemeinschaft mit einer Vergangenheit, die wert ist, bewahrt zu werden, und einer Zukunft, für die es wert ist, zu kämpfen, was wohl auch der Grund dafür ist, dass sie keinen Sinn darin sehen, sich fortzupflanzen. Das Europa der Vergangenheit glaubte an sich selber, an seine Kultur und vor allem an seine Religion und brachte Michelangelo, Descartes und Newton hervor. Europa glaubt heute an praktisch nichts. Vielleicht können wir unser Talent und unsere Stärke wieder erlangen, aber um das zu erreichen, müssen wir zuerst unseren Glauben wieder erlangen, nicht nur religiösen Glauben, sondern den Glauben an uns selbst, an unsere Kultur und an unsere Zukunft.
Können wir das?

