Veröffentlicht in Gates of Vienna, 28. September 2008
Übersetzung von Thatcher
Ich habe schon zuvor über die indoeuropäischen Sprachen geschrieben;sie sind ein faszinierendes Fenster zur europäischen und eurasischen Vorgeschichte. Proto-Indoeuropäisch gab es fast sicher als eine lebende Sprache um 3500 vor Christus, denn es enthält Wörter, die sich auf Fahrzeuge mit Rädern beziehen, die zu dieser Zeit erfunden wurden. Die indoeuropäische Expansion erfolgte mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Schwarzmeerregion des südöstlichen Europa heraus, nach dieser Erfindung. Die proto-indoeuropäische Sprache begann kurz danach auseinanderzubrechen und war fast sicher gegen 2500 vor Christus ausgestorben, zu einem Zeitpunkt, da die verschiedenen Zweige des Indoeuropäischen sich langsam entwickelten. Die Ausbreitung des Indoeuropäischen hatte den fernen Westen, Süd- und Nordeuropa zu dieser Zeit noch nicht erreicht. Zum Beispiel haben die Menschen, die Stonehenge in England erbauten, keine indoeuropäische Sprache gesprochen. Die Kelten der Eisenzeit erschienen auf den Britischen Inseln nach der Fertigstellung von Stonehenge.
Es gibt keine schriftlichen Zeugnisse der proto-indoeuropäischen Sprache selbst. Es wurde im vierten Jahrtausend vor Christus gesprochen, als nur Sumerisch und vielleicht Ägyptisch als Schriftsprachen existierten. Die ersten schriftlichen Zeugnisse indoeuropäischer Sprachen sind vom Hethitischen und von Linear-B (Altgriechisch) aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend, als das Proto-Indoeuropäische schon seit vielen Jahrhunderten tot war. Doch weil die vergleichende Sprachforschung als Wissenschaft sehr verfeinert worden ist, können wir sie durch die später belegten indoeuropäischen Sprachen große Teile des Vokabulars des Proto-Indoeuropäischen rekonstruieren. Eines der besten Bücher zu diesem Thema ist „The Oxford Introduction to Proto-Indo-European and the Proto-Indo-European World“ von J.P. Mallory und D.Q. Adams, das ich bisher nicht gelesen habe. „The Horse, the Wheel, and Language: How Bronze-Age Riders from the Eurasian Steppes Shaped the Modern World“ von David W. Anthony, das ich gelesen habe, ist faszinierend. In den Worten Anthonys:
Die Erforscher der indoeuropäischen Sprachen verbessern ihre Methoden und machen neue Entdeckungen. Sie haben die Grundformen und Bedeutungen Tausender Wörter des proto-indoeuropäischen Vokabulars rekonstruiert — dies selbst ist eine verblüffende Möglichkeit. Diese Wörter können untersucht werden, um die Gedanken, Werte, Sorgen, familiären Beziehungen und religiösen Überzeugungen des Volkes zu untersuchen, das sie gesprochen hat. Doch zuerst müssen wir uns überlegen, wo und wann sie lebten. Wenn es uns gelingt, das proto–indoeuropäische Vokabular mit einem gewissen Bestand an archäologischen Überbleibseln zu kombinieren, dann sind wir vielleicht auch in der Lage, über die üblichen Grenzen archäologischen Wissens hinauszugehen und eine viel reichere Kenntnis dieser besonderen Vorfahren zu erwerben. Mit vielen anderen teile ich den Glauben, dass die proto-indoeuropäische Heimat in den Steppen nördlich des Schwarzen und des Kaspischen Meeres gelegen hat, in der heutigen Ukraine und Russland. Heute haben wir stärkere Hinweise auf einen Ursprung in der Steppe als früher, teils wegen der dramatischen neuen Entdeckungen der Archäologen in der Steppe.
Wahrscheinlich waren es die Völker der eurasischen Steppen, die als erste das Pferd zähmten, doch die ersten Fahrzeuge mit Rädern waren dem Anschein nach Ochsenkarren. Der schnellere, von Pferden gezogene Streitwagen wurde später entwickelt und trug seinen Teil zu einer anderen Phase der indoeuropäischen Ausbreitung bei. Zwischen 1500 und 1200 vor Christus findet man auf der gesamten eurasischen Landmasse von Pferden gezogene Wagen – von den Grenzregionen des China der Shang-Dynastie über Ägypten und Anatolien bis nach Schweden. Dies stimmt überein mit der Periode der alten Veda und der Heraufkunft des vedischen Sanskrit in Indien. Völker, die indoeuropäische Sprachen sprechen, wurden im gesamten Gebiet nachgewiesen.
Die Chinesen führten, neben anderen Dingen, das Pferd und den Radwagen während des zweiten Jahrtausends vor Christus aus den westlichen Regionen Eurasiens ein. Folglich gab es Kontakte zwischen West-, Mittel- und Ostasien mindestens tausend Jahre vor dem, was allgemein als der Anfang der Seidenstraßenzeit angesehen wird. Elena E. Kuzmina spricht dies an in „The Prehistory of the Silk Road“.
In „The Making of Bronze Age Eurasia“ schreibt Philip L. Kohl über frühe Tonmodelle von Scheibenrädern und Überbleibsel hölzerner Räder und Wagen mit Holzrädern:
Solche Fahrzeuge gehören zu den frühesten bekannten Beispielen radgebundener Fortbewegung, die in den eurasischen Steppen gefunden wurden. Sie könnten, grob geschätzt, zeitgleich — oder vielleicht einige Jahrhunderte später —zu den heute ältesten bekannten, gut dokumentierten Karren entstanden sein, die in Mooren in Nordwestdeutschland und in Dänemark gefunden wurden (Hayden 1989, 1991: ptc. 7, und Häusler 1981, 1994). Basierend auf der heutigen Beweislage ist es genauso plausibel, dass sich die Technik des radgebundenen Fortbewegung von Nordwesten Europas und seinen Wäldern aus, wo es harte, dafür verwendbare Hölzer gab, von Norden nach Süden ausgebreitet hat, in die offeneren Steppen des Südwestens und dann weiter südlich nach Mesopotamien, wie dass es andersherum abgelaufen ist (siehe Bakker et al., 1999). Der wichtige Punkt ist nicht, wo diese revolutionierende Technik zuerst aufgekommen ist, sondern eher, wie schnell sie sich während der Bronzezeit über das westliche Asien, Eurasien und Europa verbreitet hat, und so die Verbindungen bestätigt, die zwischen getrennten Kulturen in dem ganzen großen Bereich bestanden.
Es ist wahr, dass sich diese Technik schnell verbreitet hat, doch die frühesten Belege dafür finden sich in Europa. Es ist gut möglich, dass Radfahrzeuge, eine der wichtigsten Erfindungen in der Menschheitsgeschichte, von vorgeschichtlichen Europäern erfunden worden sind und mit der indoeuropäischen Expansion in Zusammenhang stehen. Das proto-indoeuropäische Wort für „Rad“ steht in Verbindung mit Wörtern für „drehen“, „rollen“, während die Wörter für das Rad im Sumerischen und Semitischen Lehnwörter aus dem Indoeuropäischen sind. Wieder Kohl:
[Es] ist ungefähr Mitte des vierten Jahrtausends vor Christus, dass radgebundene Fortbewegung zuerst erscheint und sich über einen großen Raum erstreckt, in dem Kulturen miteinander in Verbindung stehen, vom nördlichen Europa bis ins südliche Mesopotamien (Bakker et al., 1999). Eine genaue Entscheidung auf archäologischer Basis, in welcher Region oder in welcher archäologischen Kultur Radfahrzeuge zuerst entwickelt wurden, könnte sich als unmöglich erweisen, und zwar aus dem einfachen Grund, dass sich die Technik so rapide über den großen Raum verbreitete. Die Frage nach der Herkunft ist sowieso viel weniger entscheidend als dieses Konvergenzphänomen, dieser beinahe gleichzeitige Nachweis für den frühen Gebrauch von Radfahrzeugen vom nördlichen Deutschland und dem südlichen Polen nach Süden über Anatolien ins südliche Mesopotamien, das um 3500 vor Christus beginnt oder unmittelbar nach dem Zusammenbruch der riesenhaften Tripolje-Siedlungen [...] Kurz nach der Einführung der radgebundenen Fortbewegung können wir Beweise für deren massenhaften Gebrauch in den westeurasischen Steppen durch Ausgrabungen kurganischer Horte dokumentieren, die Wagen mit dreiteiligen Holzrädern enthielten. Dabei handelt es sich nicht um Wagen einer Krieger-Aristokratie, sondern um die schweren Wagen von Rinderhirten, die eine Form von mobiler Hirtenkultur des Bronzezeitalters entwickelten, die sich vom klassischen eurasischen Nomadentum, das geschichtlich und völkerkundlich erst später beschrieben wurde, fundamental unterschied.


Diesen hier werde ich übersetzen. Übrigens kannst Du, Manfred, bei den Vogelforschern einen übersetzten Artikel finden, den ich mir selbst von GoV geholt habe.
Kommentar von Thatcher — 23. Dezember 2008 @ 14:36