von Fjordman
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Original vom 27. Juni 2007 in Gates of Vienna: A New Balance Between Rome and Jerusalem
Übersetzung von Eisvogel
Mein Artikel über den Einfluss des Christentums auf die westliche Kultur zog einige interessante Kommentare nach sich. Mehrere Leser schrieben, dass das Christentum im Gegensatz zum Islam flexibel sei und dass die Vereinigten Staaten, die vielleicht immer noch die gläubigste christliche Nation des Westens sind, auch die dynamischsten Streitkräfte haben. Und es waren die Amerikaner, die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abwarfen, was nur schwerlich zu dem Schluss kommen lasse, dass Christen zwangsläufig weich sein müssen.
Die Bloggerin Vanishing American schreibt, dass sie die Internetdiskussionen nicht mehr zählen kann, in denen die Schuld für die Invasion des Westens wie im “Heerlager der Heiligen” dem verweiblichenden Einfluss des Christentums zugeschrieben wird. Sie sollte daran denken, dass Das Heerlager der Heiligen von Jean Raspail beschreibt, wie Kirchenführer und Bischöfe in der vordersten Front dabei sind, Europa im Namen des Mitgefühls auszuliefern, und dass das nun mal eben auch tatsächlich geschieht. Darüber hinaus sagt sie auch: “Ich kann nicht nachvollziehen, wie das Christentum in der Lage sein soll, den Europäern, lange nachdem sie nicht mehr an das Christentum glauben, Schuldgefühle einzuimpfen.”
Das ist eine unpräzise Sichtweise. Obwohl manche der destruktiven Ideen, die ich früher schon erwähnt habe, nicht immer direkt mit dem Christentum in Verbindung gebracht werden können, haben sie eben gewisse Aspekte des Christentums übernommen oder zumindest Ideen, die sich aus dem christlichen Weltbild ableiten. Sie haben jedoch das Gleichgewicht durcheinander gebracht, und die entstandenen säkularisierten Religionen sind zu Karikaturen des Originals geworden, manchmal zu höchst gefährlichen. Diese postchristlichen Politreligionen glauben an die menschliche Vollkommenheit. Das hört sich wie ein reizvolles Konzept an, aber die Spur, die diese Idee im wirklichen Leben hinterlassen hat, hat eine Menge Leid verursacht.
Manche sind sich der Tatsache bewusst, dass Ideen wie zum Beispiel die Menschenrechte letztendlich auf dem Christentum basieren. Ich stimme mit dem deutschen Philosophen Jürgen Habermas nicht immer überein. Er hat einige skurrile Vorstellungen, aber er hat Recht, wenn er sagt, dass “das Christentum und nichts anderes, die ursprüngliche Grundlage von Freiheit, Gewissen, Menschenrechten und Demokratie ist, welche die Markenzeichen der westlichen Zivilisation darstellen. Bis zum heutigen Tag haben wir keine anderen Optionen [als das Christentum]. Wir nähren uns immer noch aus dieser Quelle. Alles andere ist postmodernes Geschwätz.”
Wenn wir davon ausgehen, dass der christliche Antisemitismus teilweise einen christlichen Ödipuskomplex gegenüber seiner Elternreligion, dem Judentum, widerspiegelt – was eine plausible Hypothese ist – öffnet uns dies neue Perspektiven zur Betrachtung des Hasses, der dem Christentum von postchristlichen Westlern entgegengebracht wird. Da ihre Glaubensüberzeugungen säkularisierte Versionen christlicher Ideen sind – sozusagen ein Christentum ohne Christus – hassen einige von ihnen ihre Elternreligion, diesen altbackenen und ausrangierten Glauben, der es wagt, immer noch zu existieren.
Nach Vanishing American ist “Liberalismus ganz allgemein und sogar in seiner extremen Ausprägung in Wahrheit ein nachgeahmtes Christentum. Das wurde viele Male ausgeführt. Karl Marx, der Sohn eines Konvertiten, war nicht gläubig, aber das System, dessen Vater er wurde, war – bewusst oder unbewusst – eine Parodie auf das Christentum. Anstatt nach einem Königreich, das nicht von dieser Welt ist, Ausschau zu halten, strebten der Marxismus und seine Varianten danach, den Himmel auf Erden zu schaffen.” Sie zitiert auch den Gelehrten James Kurth, der das deformierte Christentum hinter dem Multikulturalismus “Protestantismus ohne Gott” nannte.
Ich habe die Behauptung, Multikulturalismus sei mit der protestantischen Kultur verbunden, auch schon vorher gehört. Es könnte ein Körnchen Wahrheit darin enthalten sein, aber die katholische Kirche ist auch mit diesem Problem infiziert, und sie sieht sich anderen Herausforderungen gegenüber, da sie eine bürokratische Organisation ist, die sich zuerst und vor allem um ihre eigenen Interessen kümmert. Weil sie aus demographischen Gründen zunehmend auf Entwicklungsländern beruht, gleicht sie mehr und mehr einer christlichen Version der Vereinten Nationen. Obwohl ich sehr erfreut darüber wäre, wenn die Kirche den Westen verteidigen würde, zweifle ich doch an ihrer Fähigkeit dazu.
Ich verstehe, was der Blogger Conservative Swede damit meint, wenn er lieber von einer europäischen als von einer westlichen Zivilisation spricht. Wenn wir vom Westen reden, schließen wir damit Protestanten und Katholiken ein, aber nicht die orthodoxen Ostchristen. Aber da die römisch-katholische Kirche so langsam zu einer großen religiösen NGO wird, wird es immer schwieriger, zu sagen, sie repräsentiere den Westen. Als Westeuropäer habe ich mit einem orthodoxen Serben oder Bulgarer auch mehr gemeinsam als mit einem Katholiken aus Bolivien oder einem Protestanten aus Botswana.
Wie ich anderswo schon gezeigt habe, kann die Spur des Kulturrelativismus im Westen mindestens bis zur Aufklärung, vielleicht aber sogar bis zum Zeitalter der Entdeckungen im 16. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Es gibt jedoch auch welche, die behaupten, dass seine Wurzeln bis in die Zeit vor der Reformation zurückreichen. Humanisten des 15. Jahrhunderts betrieben Kulturkritik und zeigten ihren Zuhörern die Wahl zwischen einer machtvollen Vergangenheit im antiken Italien und einer korrupten und gespaltenen Gegenwart. Die extremsten Strömungen des humanistischen Gedankenguts gingen in die Richtung, das Christentum voll und ganz zu verwerfen, und personifizierten sich in Machiavelli, der fast ausschließlich auf Rom vertraute, sowie ein bisschen auf Jerusalem.
Der Cambridge Companion to Renaissance Humanism von Jill Kraye erklärt das folgendermaßen:
Ihr vertrautes Wissen über eine andere Kultur, ihre Haltung, diese Kultur mit ihrem eigenen Zeitalter zu vergleichen, ihr Realismus und ihre Haltung, stets beide Seiten einer Frage zu beleuchten, führte schlussendlich zu einer aufkommenden Form von Kulturrelativismus. Am offensichtlichen kommt das vielleicht in den Schriften des späten humanistischen Schriftstellers Michel de Montaigne zum Vorschein, aber Anzeichen dafür können auch schon bei Petrarch gefunden werden. Eine Hauptlektion in Kulturrelativismus ist natürlich die Annahme, dass etwas, das man normalerweise als eine Gegebenheit der Natur betrachtet, möglicherweise ein Produkt der Kultur sein könnte. Und was zur Kultur gehört und nicht zur Natur, kann durch menschliche Anstrengungen verändert werden. Angewandt auf den Bereich einer Hochkultur, kann dieser Wille, Traditionen zu verwerfen und den Wechsel zu begrüßen, zu einer Renaissance führen; auf den politischen Bereich angewandt, kann er zu Utopien führen.
Der Schriftsteller Paul Gottfried schreibt, dass der Multikulturalismus “im Gepäck des amerikanischen Imperiums reist, wie bei dem unprovozierten Angriff auf Serbien offenbar wurde.” Ich stimme damit überein. Als voll ausgereifte und entwickelte Ideologie wurde er von den USA exportiert, die als multikulturelles Imperium agierte, das im Falle Serbiens 1999 einen ideologischen Krieg führte, um die multikulturelle Rechtgläubigkeit aufrecht zu erhalten.
Gottfried warnt auch vor einer säkularen oder multikulturellen Theokratie. Er fährt fort:
“Massendemokratie ist ein Ausdruck, der benutzt wird, um eine Regierung zu beschreiben, die im Namen des ‘Volkes’ regiert, aber hoch zentralisiert ist und zunehmend ohne ethnisch-kulturellen Kern regiert. Es ist ein bürokratisches Imperium, das politische Gefälligkeiten verteilt und ein minimales Maß an physischem Schutz garantiert aber nicht mehr in der Lage oder interessiert daran ist, Autonomie zu praktizieren (…) Was geschah, ist, dass im Gegensatz zu dem, was Demokratiekritiker des 19. Jahrhunderts glaubten, das allgemeine Wahlrecht und die Verstädterung nicht zu einem Ausbruch der Anarchie und zu gewaltsamen Enteignungen geführt haben. Viel eher stimmte das Volk dafür, die Macht an ‘öffentliche Verwalter’ und kürzlich in den USA auch an Richter abzutreten, die zu Agenten wurden, welche in unserem Auftrag Demokratie praktizieren. Demokratie wurde nicht mit sinnvoller Selbstbeschränkung ausgeglichen sondern damit, dass sie von Verwaltern sozialisiert wurde, die uns ‘Gleichheit’ und später Pluralismus und Multikulturalismus lehrten. Das massendemokratische Regime wurde zunehmend zum Therapeuten, und mit dem Aufkommen des Opferkultes und dem Niedergang des Christentums zu einem Lieferanten einer Politik der Schuld.”
James Kurth nennt dies die “protestantische Deformation”, die den Weg zum Multikulturalismus geebnet hat. Nach Gottfried ist “das Herzstück des Problems die Transformation gerechtfertigter spiritueller Schuld in soziale Schuld und der protestantischen Konzentration auf das Individuum in eine Verwerfung der Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Zivilisation, die bewahrt werden muss.”
Aber das bestätigt nur, was ich früher schon geschrieben habe. Unser Schuldkomplex hat seine Wurzeln im Christentum, aber er hat sich zu etwas anderem entwickelt. Das Christentum glaubt an die Sünde, aber es glaubt auch an Vergebung und Erlösung. Nach dem neuen postchristlichen Glauben werden wir gelehrt, uns ständig irgendwelcher namenloser Sünden vage schuldig zu fühlen. Das schwächt unsere Fähigkeit zum Widerstand gegenüber Angriffen von außen, weil wir immer das Gefühl haben, dass jeder aggressive Akt gerechtfertigt ist. Dieser Schuldkomplex zerstört uns und lässt uns mental wehrlos vor jedem Feind stehen. Anders als im Christentum, in dem Christus sich selbst opferte, um uns von unseren Sünden reinzuwaschen, gibt es in diesem neuen Christentum ohne Christus keine Möglichkeit der Erlösung. Und weil es unerträglich für uns ist, mit dieser Schuld für vergangene reale oder eingebildete Sünden (wiederum eine säkularisierte Form des christlichen Konzepts der Erbsünde) zu leben, ist der einzige Weg, wie wir uns von dieser Sünde befreien können, unsere Kultur und alles, was uns zu “uns” macht, loszuwerden. Wir enden somit darin, uns selbst zu opfern. Diese säkularisierte postchristliche Version des Christentums kann selbstverständlich nicht aufrechterhalten werden. Wenn sie unverändert so bleibt, wie sie ist, wird sie uns gegenüber dem Islam machtlos machen, und wir werden verlieren.
Ich habe geschrieben, dass postchristliche Ideologien, darunter wohl auch der Marxismus, Vorstellungen aus dem christlichen Weltbild an sich gerissen haben. Sie sind aber höchst selektiv dabei vorgegangen, welche Elemente sie übernahmen und welche sie verwarfen. Christen glauben an richtig und falsch, an gut und böse, und das ist etwas, was Multikulturalisten nicht tun, ausgenommen vielleicht im Hinblick auf Rassismus und Diskriminierung, welche die einzigen Sünden darstellen, für die es keine Vergebung geben kann. Sie haben grundlegende Komponenten des Christentums verworfen. Desgleichen neigen Sozialisten dazu, Kriminelle als irregeleitete Individuen zu sehen, bestenfalls der fachmännischen ideologischen Führung durch linke Sozialarbeiter bedürftig und schlimmstenfalls als Opfer der Gesellschaft, bei denen wir uns entschuldigen sollten. Sie glauben nicht an das Böse, ausgenommen bei jenen, die ihre ideologische Führung und Weisheit ablehnen.
Marxisten ersetzten Gott als den Motor der Geschichte durch die unpersönlichen Kräfte des Klassenkampfes, aber in ihrer Religion gibt es kein Leben nach dem Tod. Die Gründe, warum es für Marxisten leichter ist, den Islam zu akzeptieren als das Christentum, liegen zuerst einmal darin begründet, dass sie mit dem Islam ihren Hass auf die traditionelle westliche Kultur in einem anderen Gewand weiter pflegen können; aber zweitens auch darin, dass der Islam mit seiner Scharia und seinem Drang, alle Aspekte der Gesellschaft in minutiösen Details zu regeln, im Gegensatz zum Christentum der Erschaffung eines ‘Paradieses’ schon auf Erden wesentlich größere Bedeutung beimisst.
Wenn ich ausführe, dass postchristliche Ideologien Elemente des christlichen Denkens übernommen haben, will ich damit in keiner Weise ausdrücken, dass sie in irgendeinem Sinn identisch mit dem Christentum sind, so wie auch eine Nierentransplantation von einem Individuum in ein anderes diese zwei Körper nicht identisch macht. Es wäre vielleicht sinnvoll, sich diese postchristlichen Ideologien als eine Art ideologische Frankensteinmonster vorzustellen, die aus einer willkürlichen Kombination von Körperteilen aus verschiedenen Quellen zusammengesetzt sind, wobei manche davon im postchristlichen Europa zufällig von der kürzlich erschlagenen Leiche des Christentums stammen. Wenn man sich die Zahl der Leichen in sozialistischen Regimes ansieht, könnte man behaupten, dass die marxistische Religion der Religion der Azteken mit ihren Menschenopfern mehr ähnelt als dem Christentum.
Michael W. Perry, der Autor des Buches Untangling Tolkien, hinterließ einen Blogkommentar, in dem er feststellte, dass während des 20. Jahrhunderts ein simplifizierender, moralistischer Pazifismus die christliche Überzeugung, dass aufgrund der sündigen Natur des Menschen Kriege einfach notwendig sind, abgelöst hat. Deshalb wusste das mittelalterliche Europa, dass es islamische Invasionen bekämpfen musste, während das moderne, säkulare Europa das nicht weiß. Eine der blutigsten Seeschlachten der Geschichte war die Schlacht von Lepanto im Jahr 1571, die ausgefochten wurde, um das Ottomanische Reich an der Invasion Italiens und der Umwandlung des Petersdoms in eine Moschee zu hindern.
Nach der Sichtweise Herrn Perrys
“liegt die Schwächung Europas nicht an den christlichen Tugenden, sondern daran, dass einige dieser Tugenden in verzerrter Weise fortgeführt werden, während andere vollkommen fehlen, ganz speziell das tiefe und durchdringende Wissen um die Natur des Bösen, das beinhaltet, dass dieses oftmals eben nicht mit Worten, internationalen Institutionen oder Diplomatie bekämpft werden kann. (…) Historisch gesehen profitierte das westliche Christentum von der Art und Weise, wie es sich ausbreitete. Der Kontakt mit griechischem Gedankengut machte es hellhörig für Ideen, mit denen sich Juden kaum befassten. Der Kontakt mit Rom lehrte es, wie man mittels strukturierter Regierungen und der Herrschaft des Gesetzes mit großen, komplexen, verstädterten Gesellschaften umgeht (Israel war klein und ländlich). Und schließlich half der Kontakt mit den Heldenepen Nordeuropas, es Individualismus und die Notwendigkeit, für Freiheit zu kämpfen, zu lehren. Man sieht das bei Tolkien, der ein frommer Katholik war.”
Tolkien war ein zutiefst westlicher Schriftsteller. Von Beruf Linguist war er fasziniert von den Sprachen der keltischen Stämme auf den britischen Inseln, vor allem vom Walisischen, aber auch vom Finnischen, einer nicht-indoeuropäischen Sprache, die sich radikal von allen anderen Sprachen unterschied, mit denen er vertraut war, und von der Kalevala, dem Nationalepos Finnlands . Er vertiefte sich in die Periode der britischen Geschichte zwischen dem Niedergang der römischen Herrschaft in der Provinz Britannien im 5. Jahrhundert und der normannischen Eroberung im 11. Jahrhundert. Während der Zeit der großen Völkerwanderungen wanderten germanische Stämme aus dem Osten in großer Zahl in Britannien ein. Das epische Gedicht Beowulf, dem Tolkien beträchtliche Zeit widmete, beschreibt diese Kultur des 8. und 9. Jahrhunderts in einer Zeit, als das Christentum sich gerade ausbreitete, und erwähnt Stämme aus den heutigen Ländern Dänemark und Schweden. Das Königreich Rohan in “Der Herr der Ringe” ist eindeutig von dieser angelsächsischen Kultur und ihren skandinavischen Wurzeln beeinflusst.
Die Namen der Charaktere wie zum Beispiel Gandalf, der Zauberer, können von skandinavischen Vorbildern kommen, zum Beispiel aus der Sage von Halfdan dem Schwarzen, der Ragnhild, die Tochter von Harald Goldbart heiratete und gegen König Gandalf kämpfte. Sie hatten einen gemeinsamen Sohn, Harald, der Halfdan um 860 als Herrscher folgte und später den Beinamen Harald Schönhaar bekam. Nach einem abgelehnten Heiratsantrag schwor er, sein Haar so lange nicht zu schneiden, bis er König des ganzen Landes war. Er wird traditionell als Norwegens erster nationaler König angesehen. Sein Nachfolger Erik Blutaxt tötete später seine Brüder, um sich seiner Rivalen zu entledigen. Das stammt aus der Heimskringla, der Sage der norwegischen Könige, wie sie vom isländischen Schreiber Snorri Sturluson überliefert wurde.
Ein hochinteressantes Vermächtnis aus der römischen Ära ist die Grenze zwischen England, das zusammen mit Wales Teil des Römischen Reiches war, und Schottland, das nicht dazu gehörte. Diese Grenze ist über zwei Jahrtausende hinweg mehr oder weniger stabil geblieben. Der Hadrianswall in Nordengland wurde 122 n.Chr. von Kaiser Hadrian erbaut, nachdem sein Vorgänger Trajan so viele neue Territorien erobert hatte, dass das Reich seine größte territoriale Ausdehnung erreichte, und sein Nachfolger gezwungen war, die Herrschaft Roms zu festigen. Die Schnittmenge aus römischen, christlichen und germanischen Einflüssen hatte eine entscheidende und tiefe Einwirkung auf die die jeweilige Geschichte von England, Frankreich und Deutschland.
Der fränkische Herrscher Karl Martell gründete, nachdem er 732 die islamische Invasion in der Schlacht von Tours zurückgeschlagen hatte, das Karolingerreich, das seinen lateinischen Namen trägt: Carolus. Er legte auch die Grundlagen für das feudalistische System und formte somit große Teile des Mittelalters. Sein Enkel Karl der Große wurde im Jahr 800 vom Papst zum Kaiser gekrönt. Das Karolingerreich, das ein gezielter Versuch war, das Römische Reich im Westen wiederzubeleben, umfasste zu jener Zeit Frankreich, Deutschland und große Teile Mitteleuropas einschließlich Italiens bis hinunter nach Rom, wurde aber 843 in drei Teile geteilt. Das östliche Drittel mit seinem Herzstück im heutigen Deutschland wurde später als das Heilige Römische Reich Deutscher Nation bekannt und überdauerte auf die eine oder andere Art weitere tausend Jahre. Das birgt eine gewisse Ironie in sich, weil der größte Teil Deutschlands niemals zum ursprünglichen Römischen Reich gehört hatte. Nachdem die römischen Legionen im Jahre 9 n.Chr. bei der Schlacht im Teutoburger Wald von germanischen Stämmen massakriert worden waren, unternahmen die Römer nie wieder ernsthafte Versuche, die Länder nördlich des Rheins zu erobern.
In England und Frankreich verschwand die Erinnerung an die Jahrhunderte unter der zentralistischen römischen Herrschaft niemals vollständig, was erklären könnte, warum es den Engländern und Franzosen gelang, im Mittelalter vereinte Staatswesen zu erschaffen, während Deutschland erst unter Bismarck im späten 19. Jahrhundert vereint wurde. Das könnte man im Fall Englands teilweise auch auf die Geographie zurückführen, aber es ist schwieriger, zu erklären, warum Frankreich und Deutschland, die beide Teil des Karolingerreiches waren, so unterschiedliche Wege gingen, wenn man das römische Vermächtnis außen vor lässt.
Die Einheit Deutschlands wurde auch durch einen religiösen Konflikt im 11. und 12. Jahrhundert, in einer Zeit, als das Papsttum seine Macht festigte, vereitelt. Papst Urban II rief 1095 zum Ersten Kreuzzug auf. Der Investiturstreit, in dem es um das Recht, Kirchenoffizielle einzusetzen ging, brach die Macht des deutschen Königs. Der Dreißigjährige Krieg im 17. Jahrhundert schuf ein zusätzliches Durcheinander. Danach existierte das Heilige Römische Reich Deutscher Nation nur noch als Name. In dem Stück Faust, das am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts geschrieben wurde, spottet der deutsche Dichter Goethe flüchtig über seine Machtlosigkeit, aber formal abgeschafft wurde es erst in den Napoleonischen Kriegen. Nach deutscher Tradition mussten Kaiser gewählt werden und Konzessionen machen, um Wohlwollen zu erlangen, was ihre Autorität schwächte. Dennoch dominierten manche Familien wie zum Beispiel das Haus Habsburg die Liste der Kaiser Jahrhunderte lang. Sie dominierten auch den Nachfolger des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Österreich, das später in der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn aufging und nach dem Ersten Weltkrieg aufgelöst wurde.
Wie diese Beispiele zeigen, haben uns die Erinnerung und das Vermächtnis des Römischen Reiches bis in moderne Zeiten hinein niemals verlassen. Der Islam wurde zur Weltreligion, indem er ein Imperium durch Kriege erschaffen hat. Das Christentum wurde zur Weltreligion, weil es in ein bereits existierendes Imperium hineingeboren wurde und darin wuchs. Das Christentum war von seinen ersten Anfängen an von der Zivilisation Roms beeinflusst und wäre wahrscheinlich ohne sie auch nicht möglich gewesen. Ich sehe durchaus potentielle Probleme mit dem Christentum als solchem. Doch weil es flexibel ist, wird es von anderen Impulsen, mit denen es in Verbindung steht, beeinflusst und deshalb stimme ich auch nicht mit denen überein, die sagen, dass wir das Christentum loswerden müssen, um zu überleben. Realistisch gesehen enthält es potentielle Schwächen, die mit einem nationalen Zugehörigkeitsgefühl eingedämmt und mit der ausgleichenden Kraft nicht nur griechischer Logik sondern auch römischer Strategiekunst ausbalanciert werden müssen.
Der Westen war schon immer eine zusammengesetzte Zivilisation, die aus einer komplexen Mischung verschiedener Impulse bestand. Wir werden alle von ihnen brauchen, um zu überleben. Wenn wir uns nur auf einen davon verlassen, reicht das nicht. Wir brauchen Rom und Jerusalem, sowohl die griechisch-römischen als auch die jüdisch-christlichen Stränge des Westens, aber vielleicht müssen wir ein neues Gleichgewicht zwischen den beiden aufstellen. Die alles entscheidende Frage ist die, ob das Christentum in Westeuropa bereits dermaßen geschwächt und diskreditiert ist, dass es als bestimmender Faktor ausfällt.
P.S.: Wenn man Zivilisationen und Religion betrachtet, stellt China auch ein interessantes Beispiel dar. Nach dem Gelehrten Thomas T. Allsen “wanderten zusätzlich zu den Handelsgütern, vor allem Seide, die westwärts kamen, vielerlei Kulturgüter von folkloristischen Motiven über Alphabete bis hin zu Religionen ostwärts. Fast alle der wichtigen religiösen Bewegungen, die ihren Ursprung im Nahen Osten hatten – Zoroastrismus, Judentum, Christentum, Manichäismus und Islam – erreichten China, während die ideologischen Systeme Chinas im Westen nicht Fuß fassten. Dieses verblüffende und hartnäckig fortdauernde Muster, das niemals erklärt wurde, hat sich offensichtlich schon recht früh etabliert.”
Wie Allen ausführt, “setzen wir zu oft politische und wirtschaftliche Überlegenheit mit kultureller Dominanz gleich. Es gibt viele gegenteilige Beispiele. Wie Braudel ausführt, stieg England im 18. Jahrhundert zur beherrschenden politischen Kraft auf, während Frankreich seinen kulturellen Einfluss behielt und sogar noch ausbaute. Es trifft auch auf die kulturelle Abhängigkeit Roms vom Griechischen und des Achämenidischen (Persischen) von Mesopotamien zu. Konsequenterweise ist es daher auch keine Anomalie, dass die Mongolen des 13. und 14. Jahrhunderts gewiss im politischen und militärischen Sektor dominierten, aber kaum im kulturellen.”
China hat trotz seines Rufes, eine stolze Zivilisation zu sein, im Lauf der Geschichte bewiesen, dass es bereitwilliger nicht-chinesische Religionen annahm als umgekehrt. Das Christentum ist in Europa auch nicht beheimatet, es kam aus dem Nahen Osten. Aber es war wenigstens ein Teil des Imperiums und der politischen Einheit jener Zeit, so dass es immer noch eine “römische” Religion war. Der Buddhismus war in keiner Weise in China beheimatet. Seide war den Römern bekannt und die Seidenstraße mit Rom wuchs ab der Regentschaft des Augustus schnell. Der chinesische Handel mit dem Iran und Indien wurde sogar noch früher aufgenommen. Doch trotz der Beliebtheit der chinesischen Waren und trotz der Tatsache, dass China eine der ältesten ununterbrochenen Zivilisationen auf Erden darstellt und über mehrere Jahrtausende hinweg auch die reichste und technologisch fortschritllichste war, hatten seine Religionen und Philosophien niemals außerhalb Ostasiens einen größeren Einfluss.
Warum?
Ich weiß es nicht, aber es ist eine faszinierende Frage.